Ausstellungen

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 Über die vielgestaltigen Facetten des Humors


„Lachen. Kabarett“ als Sonderausstellung im Literaturmuseum der Moderne


„Wer lacht hier, hat gelacht? / Hier hat sich’s ausgelacht. / Wer hier lacht, macht Verdacht, / dass er aus Gründen lacht.“ Das „Kinderlied“ von Günter Grass thematisiert das Lachen unter einem Aspekt, der auch in der neuen Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne eine wichtige Rolle spielt. Lachen ist nicht per se Amüsement und schon gar nicht vorwiegend schenkelklopfende Belustigung. In Krisenzeiten wird viel gelacht, auch im politischen Kabarett, und der Witz hat besonders in totalitären System Konjunktur. All das ist Teil der von Heike Gfrereis, Anna Kinder und Sandra Richter kuratierten Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs, die morgen eröffnet wird und bis zum 15. September dauert. Und noch viel mehr: Mit „Lachen. Kabarett“ unternimmt das erste Projekt eines Fünfjahreszyklus unter dem Titel „#LiteraturBewegt“ den Versuch, alle möglichen Spielarten des Komischen auf spielerisch-originelle Art zu präsentieren. Mitarbeiter des DLA und befreundeter Archive haben eine Fülle von Material gesammelt, welches in sechs Räumen des LiMo in 15 „Stationen‘“ interaktiv präsentiert wird. Das Mitmachen der Besucher ist ein ganz wesentlicher Impuls dieser Ausstellung.

Das beginnt mit der „Lachbox“, wo sich jeder Besucher sein eigenes Foto mit zugehörigem Witz aus dem Archiv zum Mitnehmen ausdrucken kann und führt, eine Treppe tiefer, in den ersten Spielraum, wo auf runden weißen Tischplatten ein Memory der zahllosen Lach-Arten ausgelegt ist, vom Lächeln, Grinsen, Frotzeln, Greinen und Kichern bis zum Quietschen, Kugeln, Brüllen und so weiter. Auf der Rückseite der Karten illustriert jeweils ein Foto den Lachtyp, es darf gedreht und gewendet werden. „loch so loch doch“ fordert eine kreisrunde Projektion im größten Ausstellungsraum den Betrachter auf – es ist einer von neun Overhead-Projektoren, die auf langen weißen Tischen installiert sind, der den Jandl-Vers an die Wand wirft, daneben liegt jeweils ein Schuber mit weiteren, mit Erläuterungen versehenen Folien, die vom Publikum aufgelegt und ausgetauscht werden können, so dass dieser Raum zum lebendigen Wechselarchiv wird. Verstreut auf den Tischen weisen kleine Handzettel auf die Fülle des Materials hin, das hier vom Besucher via Projektion entdeckt werden kann.


Von Schillers Handzeichnung mit Kopfstand auf schräger Ebene über Klecksbilder von Justinus Kerner und Smilies von Mörike geht es zu Morgensterns Hufeisengedichtsammlung mit grinsendem Totenkopf und Henkersbeil, „Überbrettl“-Karikaturen aus dem Simplizissimus, einem Programmheft der „Elf Scharfrichter“ als erstem politischen Kabarett um 1900 in Deutschland, Tucholskys „Zippi“, Hesses  Notizen zum „Steppenwolf“, dessen Harry Haller im magischen Theater das Lachen lernt, zur „Großen Hure Baylon“ in Döblins „Berlin Alexanderplatz“, zu Marlene Dietrich und dem „Blauen Engel“, Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, Flüsterwitzen während der Nazizeit , Brechts Selbstverteidigung 1947 vor dem McCarthy-Untersuchungsausschuss wegen unamerikanischer Umtriebe, einer Seite aus Robert Gernhardts Brunnenheften, und und und. 250 Folien sind vom Literaturarchiv-Team vorbereitet, das Ausstellungskonzept ist auch noch für Ergänzungen offen.


Erich Kästner hat einmal geurteilt: „Die deutsche Literatur ist einäugig. Das lachende Auge fehlt.“ Sein eigenes Werk gilt dafür das Gegenbeispiel, er selbst ist gleich am Eingang neben der Fotostation mit einem Witz zitiert: „Ein Lehrer gibt das Thema zu einem Klassenaufsatz: Hätte sich Werther auch im Dritten Reich erschossen? Der kleine Fritz gibt schon nach fünf Minuten sein Heft ab. Was hat er geschrieben: Nein, aber Goethe!“ Wann lacht das Publikum? Wann lacht der Autor selber? Anhand von Kabarett-Aufnahmen haben sich die Ausstellungsmacher diese Fragen gestellt, in Kassettenrekordern kann man dazu Beispiele aus Live-Kabaretts anhören. In Filmszenen von Billy Wilder bis Heinz Erhardt, die wiederum auf weiße Tischflächen projiziert werden und denen man mit Hilfe von Pappbechern am Ohr akustisch folgen kann, wird Lachen provoziert. Und im Ausschnitt einer Podiumsdiskussion mit Kunsttheoretikern fragt Joseph Beuys: „Warum sollen wir denn nicht mehr lachen? Wollen Sie das Lachen ausmerzen? Wollen Sie die Belustigung ausmerzen? Wollen Sie denn eine Revolution ohne Lachen machen?“

 

In dieser „Improvisationsausstellung“ findet der Besucher Material zuhauf, ein Marbacher Magazin dazu ist im Entstehen, soll sich aber erst fortschreiben bis zum Ende im September. Es gibt eine Reihe von Begleitveranstaltungen, so zum Beispiel zweimal „Musikalisches Lachkabinett“ mit Kabarettszenen und Brettl-Liedern, oder ein „Kinder-Lachlabor“ als Sommerferien-Workshop Ende Juli. „Wild denken“ im Sinne von Hegel, kreuz und quer denken hatten sich die Ausstellungsmacherinnen vorgenommen. Eine lebendige, zum Mitmachen und Entdeckungen machen anregende Schau ohne sperrigen Überbau ist dabei herausgekommen.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 17. Mai 2019)

Eine Kulturgeschichte mit Klinge und Knauf

 

Das Württembergische Landesmuseum zeigt „Faszination Schwert“ im Alten Schloss

 

Tödliche Waffe, Zeichen der Gewalt, Symbol der Macht und der Gerechtigkeit, Kult- und Prestigeobjekt: Das Schwert spielt seit jeher im Leben der Völker eine vielseitige Rolle. Mit seiner Sonderausstellung „Faszination Schwert“ zeigt das Württembergische Landesmuseum dessen Geschichte von den Anfängen im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bis zu seiner heutigen Verwendung in Filmserien und Computerspielen. In einer multimedialen, sehr anregenden und abwechslungsreichen Schau präsentiert das Museum im Alten Schloss über 300 Objekte in neun thematisch gegliederten Räumen.

 

In Mitteleuropa verbreitet sich das Schwert während der Bronzezeit mit der Technik des Flüssiggusses, in der Eisenzeit als Schmiedeschwert. In einer Vitrine im Eingangsbereich wird als seltener Fund eine Gussform aus Neckargartach bei Heilbronn präsentiert, ein Ausschnitt aus dem „Nibelungen“-Stummfilm von Fritz Lang zeigt Siegfried beim Schmieden seines Schwerts Nothung. Aus seinem Eigenbestand von über 1500 Exemplaren und mit Leihgaben zeigt das Landesmuseum, wie sich aus Vollgriffdolchen Hieb- und Stoßwaffen entwickeln, zum Beispiel das römische „Gladius“-Kurzschwert oder der „Gassenhauer“, ein Hiebschwert aus dem späten Mittelalter. In einem auf Wandhöhe vergrößerten, bebilderten Traktat von 1520 heißt es: „Mit den Schlachtschwertern halten wir drauff / Do wurde geschlagen unser hauff / Und die feinde wollten uns beschemen / Einprechen und das fenlein nehmen / Erst hauwen wir mit freuden drein / Das fenlein wird beschutzen sein.“

 

Als Statussymbol wird Graf Eberhard im Bart 1495 von König Maximilian I. auf dem Reichstag zu Worms ein kostbares Schwert zum Zeichen seiner Herzogwürde überreicht – auch dieses Objekt ist im Landesmuseum ausgestellt, und wenn man im Hof des Alten Schlosses das Reiterdenkmal des württembergischen Herrschers betrachtet, weist auch das in der erhobenen Hand geschwungene Schwert auf dessen symbolische Bedeutung. In dem mit der Fototapete einer englischen Königskapelle geschmückten Nebenraum kann sich der Besucher interaktiv zum Ritter schlagen lassen.

 

Religion, Magie und Mythologie sind Themen, die im nächsten Ausstellungskapitel abgehandelt werden, unter anderem der Mithras-Kult oder Funde von Schwertern, die als Opfergabe in Gewässern als Übergang zu einer Anderwelt niedergelegt wurden. Ganze Heeresausrüstungen besiegter Gegner wurden im heutigen Dänemark in Seen deponiert. An die Artus-Sage, Merlin den Zauberer und das Schwert Excalibur erinnern Abbildungen, bei den gezeigten Schwertern deuten Spiralknaufe und andere astrale Symbole auf den Bezug zu Kult und Religion. Auch christliche Heiligenfiguren werden mit dem Schwert in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel eine Statue des Erzengels Michael  oder das Flammenschwert als himmlische Waffe. Im Gegensatz zu solchen jenseitigen Sphären steht die Dokumentation von Kampfverletzungen: ein gespaltener Schädel, oder eine illuminierte Handschrift aus dem Codex Manesse, in der ein Ritter dem andern den Kopf im Helm abschlägt.

 

Als Teil nationaler und völkischer Propaganda erscheint das Schwert, nachdem es als Waffe der Krieger ausgedient hat, im 19. Jahrhundert in monumentalen Denkmälern Bismarcks oder des Cheruskerfürsten Arminius im Teutoburger Wald. Hitler ist als „Schmied des deutschen Volkes“ verewigt, eine andere Abbildung zeigt die Bronzeskulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ des sowjetischen Künstlers Jewgeni Wutschetisch vor dem UNO-Gebäude in New York. Dass Schwerter nicht nur Männersache sind, wird in einem Raum mit „Helden und Heldinnen“ demonstriert, in dem gegenüber einer antiken Trinkschale mit Theseus und dem Minotaurus und Siegfried dem Drachentöter auch Figuren wie Judith mit dem Haupt des Holofernes, die Rächerin Brünhild oder Jeanne d’Arc als Retterin zugegen sind. Von Robin Hood bis zu Harry Potter, von den Yedi-Rittern bis zum „Game of Thrones“ reicht schließlich die in Plakaten, Repliken und Video-Szenen dokumentierte Welt der Popkultur, in der Schwerter, ob aus Stahl oder mit Laserkraft, eine Rolle spielen.

 

(Ludwigsburger Kreiszeitung 16. Oktober 2018)

 

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Vom Außer-sich-Sein

Kunstmuseum Stuttgart zeigt „Ekstase“ im Kubus am Schlossplatz

 

André Massons surreal-abstrakte Bronzeskulptur mit dem auch für die Stuttgarter Ausstellung titelgebenden Begriff „Ekstase“ ist eines der hochkarätigen Objekte, die im Kubus des Kunstmuseums eine reichhaltige und beziehungsvolle Entwicklungsgeschichte dieses Ausnahmezustands künstlerisch abbilden. Vom antiken Dionysoskult, der noch bis in die Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts thematisiert wird, bis zur drogeninduzierten Bewusstseinserweiterung kreativer Prozesse in der Gegenwartskunst geht die Schau, die das Thema mit rund 230 Werken von über 70 Künstlern von der Renaissance bis zur Moderne aufblättert.

 

Ob Bacchanal in der Hochrenaissance, „Schlafende Bacchantin“ als lustvoll hingestreckter weiblicher  Akt oder Franz von Stucks „Bacchantenzug“: die Riten der von Raserei ergriffenen Mänaden beflügeln die Phantasie der Maler und Betrachter. Eine ganz andere Art von Außer-sich-Sein spiegelt sich in Berninis Kopfstudie zur Skulptur der Hl. Theresa von 1646, die im Kunstmuseum im Raum der „Religiösen Ekstasen“ hinter einem Vorhang gezeigt wird. Die verzückt nach oben gerichteten Augen einer jungen Frau in Jean Benners „L’Extase“ (1896) oder in Charles LeBruns Kreidezeichnung „Le Ravissement“ sind eindeutige Zeichen. Ein eigener Raum der Ausstellung ist dem afrobrasilianischen  Candomblé gewidmet, mit Installationen des Brasilianers Ayrson Heráclito, selbst auch Priester dieses Kults. In die Welt der Schamanen als weiterer spiritueller Praxis führen die 50 Prints des litauischen Fotografen Algirdas Seskus, während Marina Abramovics Video „Freeing the Body“ die tänzerische Wildheit eines nackten Frauenkörpers dokumentiert. Pablo Amaringos Aquarelle versetzen dagegen rituelle Zeremonien mit den Mitteln naiv dekorativer Malerei in die surreale Szenerie des brasilianischen Regenwalds.

 

Dan Grahams Videoinstallation „Rock My Religion“ und Mark Leckeys „Fiorucci Made Me Hardcore“ reflektieren die Jugendkultur der Hippies und ihrer Nachfolgegenerationen, eine raumhohe Fotografie der 25000 Fans der „Gelben Wand“ im Dortmunder Fußballstadion verweist auf die ekstatischen Massenphänomene des Sports. Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Ferdinand Hodler zeigen die entgrenzende Wirkung des Tanzes, inspiriert von  Ausdruckstänzerinnen wie Isadora Duncan, Mary Wigman oder Gret Palucca. Das Ganzkörperporträt Anita Berbers von Otto Dix, eines der Schmuckstücke aus dem eigenen Museumsbestand, darf hier natürlich nicht fehlen. Madam d’Ora hat die Tänzerin 1922 in dem Stück „Cocain“ fotografisch festgehalten. Drogen, Rausch und Liebesekstasen sind weitere Aspekte, die in teils provokativen, teils poetisch verschlüsselten Fotoserien, Grafiken und Videostills präsentiert werden. Mit der frei im Raum schwebenden Goldbronze-Skulptur „Arch of Hysteria“ von Louise Bourgeois hat die Ausstellung einen exzentrisch vieldeutigen Höhepunkt, bevor der Betrachter auf der dritten Ebene des Kubus ins „Dream House“ von La Monte Young und Marian Zazeela eintaucht: eine Klang- und Lichtinstallation von magischer Wirkung.

 

(Ludwigsburger Kreiszeitung 29. September 2018)

 

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