Oper

Teufelstraum und Bilderspektakel


Arrigo Boitos „Mefistofele“ musikalisch überzeugend und szenisch zweifelhaft in der Staatsoper


Grandiose Riesenchöre, ein mit brachialen Fortissimi und glühenden Farben aufspielendes Staatsorchester unter der Leitung des Mailänder Dirigenten Daniele Callegari, , drei sängerisch überragende Solisten in den Hauptrollen, in einer Inszenierung, deren Konzept jedoch nicht aufgeht: der Premierenapplaus am Ende des dreistündigen „Mefistofele“ von Arrigo Boito konzentrierte sich auf die Mitwirkenden auf der Bühne und im Orchestergraben – das Regieteam um Àlex Ollé von der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus war schon weitergezogen zu seiner nächsten Arbeit mit Puccins „Turandot“ in Tokio.

Àlex Ollé hat sich schon mehrfach mit dem Faust-Stoff auf der Bühne auseinandergesetzt: als multimediales Theaterspektakel von Fura dels Baus in F@ust3.0, bei den Salzburger Festspielen mit „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz 1997, zuletzt mit Gounods „Faust“-Oper. Nun also – zuerst 2018 an der Opéra National de Lyon, nun im Stuttgarter Opernhaus – mit Fausts Gegenspieler Mephistopheles als Hauptfigur. Arrigo Boito, der für Verdi später die tollen Shakespeare-Libretti für „Otello“ und „Falstaff“ verfasste, war  zunächst in seiner Doppelbegabung als Komponist und Textdichter an Goethes Schauspiel-Tragödie von „Faust I“ und „Faust II“ vor allem interessiert unter dem Aspekt des Bösen in der Welt ( Boito plante auch eine „Nero“-Oper!) und brachte als 25jähriger in Mailand seine Urfassung des „Mefistofele“ auf die Bühne – ein Flop, dem er 1875 eine Zweitfassung folgen ließ.  Diese konzentriert sich, mit dem „Prolog im Himmel“ und dem Epilog von Fausts Tod, auf acht zentrale Szenen, in denen nicht der nach Erkenntnis und Übermenschentum strebende Faust, sondern der mit Gott eine Wette eingehende Teufel die Hauptrolle spielt.


Musikalisch ist Boitos „Mefistofele“  ein hochinteressantes Werk mit Einflüssen von Verdi und Wagner. Schon am Ende des Prologs verkündet der Gegenspieler Gottes sein nihilistisches Credo vom Menschen als unnützem Ungeziefer und „anmaßendem Atom“, doch hat das natürlich nicht die grauenerregende psychologische Tiefe der vergleichbaren Szene mit Jago im ersten „Otello“-Akt. Von monumentaler Durchschlagskraft sind dagegen die Chöre, welche die Inszenierung im Prolog als himmlische Heerscharen aufmarschieren lässt; dazu intoniert das Staatsorchester mit wagnerischer Wucht, und die Bühne von Alfons Flores bewegt sich wie von teuflischer Magie gesteuert. Wo zu Beginn in gleißendem Licht ein Heer von Laboranten an drei Dutzend Seziertischen in Reih und Glied sich an Herzklumpen zu schaffen machen, fährt die Realebene an Stahlseilen nach oben und gibt einen Höllenschlund frei, in dem Mefistofele ein paar Kinder-Cherubin die Kehle durchschneidet, wonach ihm von einem Engelspulk das Herz aus der Brust geschnitten wird. Das steht zwar nicht im Libretto, aber Ollé braucht es, um sein Regiekonzept vom Psychopathen Mephisto in Gang zu setzen, in dessen Wahnvorstellungen die Geschichte von Faust, Margarete und Helena wie eine filmische Rückblende abgespult wird.


Mika Kares, der als bassschwarz stimmmächtige und nuanciert eloquente Titelfigur brilliert, ist darstellerisch in dieser Festlegung sichtlich gehemmt. Wenn er sich in der Büroparty („Osterspaziergang“) aus seiner gelben Putzmontur geschält hat, ist er für Faust (der helltenorale Antonello Palombi) kein dämonischer Verführer, noch weniger in der Walpurgisnacht unter der Disco-Kugel ein Höllenfürst. Unbeteiligt sitzt er auf seinem Thron – auch hier leistet das Bühnenbild mit seinen herabschwebenden Treppengerüsten wieder Außerordentliches – während sich der Hexensabbat im schummrigen Rotlicht als ödes Disco-Gewusel darbietet. Interessanter wird er dann als Margaretes Kompagnon in der Kerkerszene und während der Klassischen Walpurgisnacht, die Ollé wieder auf den Revuetreppen inszeniert. Hier ist die Sopranistin Olga Busuic, wie schon zuvor in ihrer mit starkem Volumen überzeugenden Margherita, als Elena das sängerische Zentrum der Aufführung.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 18. Juni 2019)

 

 

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