Porträts

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Tamas Detrich 


Mit blütenweißem T-Shirt und hellem Leinensakko sitzt er an diesem Morgen an seinem aufgeräumten Schreibtisch im zweiten Stock des hinter der Oper gelegenen Ballettgebäudes - ganz ungewohnt gegenüber dem Künstler-Schwarz seines Outfits während der Vorstellungen am Abend. Seit Beginn der Spielzeit ist Tamas Detrich der neue Intendant des Stuttgarter Balletts, gerade ist seine erste Premiere „Shades of White“ mit Bravour im Opernhaus über die Bühne gegangen. Die Vorstellungen im Oktober und November sind alle ausverkauft, für die nächste Serie im Dezember ist der Run auf Karten in vollem Gange. Dazwischen tanzt das Stuttgarter Ballett mit John Crankos „Onegin“ und „Schwanensee“ auf Japan-Tournee. Ob er von der stürmischen Begeisterung des Publikums für „Shades of White“ überrascht sei, frage ich Detrich zu Beginn unseres Gesprächs. Nein, keineswegs, er kenne ja den Enthusiasmus der Stuttgarter Ballettfans. Und doch sei es eine Herausforderung gewesen, die richtige Dramaturgie zu entwickeln für diesen Abend: „Ich wollte mit einem Cranko-Ballett anfangen, aber nicht nur Cranko. Vom „Königreich der Schatten“ war ich schon als Teenager in New York begeistert, als Natalia Makarova diesen Akt aus Petipas „La Bayadère“ beim American Ballet Theatre inszenierte.“ Und Balanchines „Sinfonie in C“ sei der krönende Abschluss, auch mit der Korrespondenz von Bizets jugendfrischer Musik zu Crankos Mozart-Konzert.


Schon im Alter von 10 Jahren weiß Tamas Detrich, dass er Tänzer werden will. Eine Aufführung von Tschaikowskys „Nussknacker“ hat es ihm angetan, er erhält ein Stipendium für die National Academy of Ballet and Theater Arts in Manhattan. Bei einem Gastspiel von „The Stuttgart Ballet“ kommt er als Sechzehnjähriger zum ersten Mal in Berührung mit seiner zukünftigen Compagnie und wirkt sogar als Komparse mit bei einer Aufführung in der New Yorker Met. Auch nimmt er an einem Vortanzen für die John-Cranko-Schule teil. Er wird angenommen, seine Eltern, die ihn von jeher in seinem Ballettwunsch unterstützt haben, lassen ihn ziehen nach Stuttgart in Germany. Als er seine Ausbildung beendet hat, könnte er auch beim American Ballet Theatre anfangen, doch bevor er sich auf den Weg macht, sagt Marcia Haydée, die ein Jahr zuvor die Direktion des Stuttgarter Balletts übernommen hat: „Du musst zurück nach Stuttgart!“. So wird Tamas Detrich 1977 Tänzer der Compagnie: „Nun tanzte ich mit Ricky, Marcia, Birgit und Egon zusammen auf der Bühne, unglaublich!“ Als er 1980 zum Solisten und im Jahr darauf zum Ersten Solisten befördert wird, ist auch Marion Jäger schon Tänzerin im Stuttgarter Ballett. Die beiden werden später heiraten, ihre Zwillinge treten jedoch nicht in ihre Ballett-Fußstapfen. „Die kommen gerne mit ihren Freundinnen in die Aufführungen. Aber in dem Alter, als ich anfing mich für Tanz zu interessieren, waren sie schon im Tennis sehr engagiert.“


Gibt es Lieblingsrollen für Tamas Detrich? Ja, viele: „Als ich jung war, Crankos Romeo, ich habe mich auch so gefühlt wie Romeo. Am Ende waren es Rollen wie Onegin, Armand Duval in John Neumeiers „Kameliendame“ oder auch in den „Voluntaries“ von Glen Tetley. „Onegin“ ist für mich jedoch das schönste Ballett überhaupt.“ Mit der Rolle des leidenschaftlichen, von Tragik umwitterten Einzelgängers feiert Detrich auch 2002 seinen Abschied auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses, nachdem er ein Vierteljahrhundert lang, auch weltweit als Gasttänzer, in Paraderollen wie Siegfried in „Schwanensee“, Petrucchio in Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“, Prinz Desiré in Tschaikowskys „Dornröschen“, und Hauptrollen in Balletten von Balanchine, Béjart, Kenneth MacMillan, Hans van Manen, Jirí Kylián, William Forsythe aufgetreten war und 1998 zum Kammertänzer ernannt wurde. Nach dem Ende seiner Karriere als aktiver Tänzer war Detrich Ballettmeister, ab 2004 Stellvertretender Künstlerischer Leiter und ab 2009 Stellvertretender Intendant des Stuttgarter Balletts.


Was hat er lieber getanzt, die klassischen Stücke oder Modern Dance? Für Tamas Detrich stellt sich diese Frage nicht, auch seien die Unterschiede zwischen den Ballett-Genres nicht mehr so festgemauert wie früher. „Ich fange ganz klassisch an und gehe sehr bewusst in die Moderne“, beschreibt der Stuttgarter Ballettintendant das Profil seiner ersten Spielzeit, die auch einige Uraufführungen von Nanine Linning, Edward Clug, Katarzyna Kozielska unter dem Motto „Aufbruch!“ und mit „Kaash“ von Akram Khan eine ganz neue Tanzsprache für die Stuttgarter Compagnie bereithält. Die Balance verschiedener Epochen und Tanzstile ist ihm wichtig, und auch für die in Stuttgart gepflegte Tradition des Handlungsballetts hat Tamas Detrich neue Ideen: „Aber ich will noch nicht darüber sprechen!“ Ob er wie sein Vorgänger Reid Anderson Tänzerinnen oder Tänzer auch während einer Spielzeit nach besonders geglückten Rollendebüts zu Solisten oder Ersten Solisten befördern wird? Der Intendant schmunzelt und meint: „Lassen Sie sich überraschen!“


(Ludwigsburger Kreiszeitung 20. Oktober 2018)


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Bejun Mehta


Er ist einer der berühmten Countertenöre der Gegenwart, und dem Sohn indischer Eltern wurde die Musik schon in die Wiege gelegt. Der in Shanghai geborene Vater Pianist und Klavierprofessor an der Universität von Ann Arbor in Michigan, die Mutter Sopranistin und erste Gesangslehrerin ihres Sohnes während seiner Kindheit, als er schon im Alter von zehn Jahren als Soilist bei Konzerten und Schallplattenaufnahmen, unter anderem mit Leonard Bernstein, mitwirkte. Sein Name hatte ohnehin von Anfang an einen besonderen Klang in der Musikwelt: er ist ein Vetter des 32 Jahre älteren. Berühmten Dirigenten Zubin Mehta.


Trotz seiner musikalischen Herkunft studierte Bejun Mehta zunächst deutsche Literatur an der Universität von Yale, wo er auch Cello spielte und ein kleines Kammerorchester leitete. „Nach der Uni-Zeit habe ich mich für Gesang entschieden, aber Dirigieren war immer dabei“, sagt er im Gespräch. Wie hat Mehta seine wunderbare Stimme mit ihrer ganz besonderen Leichtigkeit und natürlichen Lebendigkeit entwickelt, nachdem er zunächst eine Ausbildung als Bariton absolvierte und mit dieser Stimmlage nicht zufrieden war. „Üben, Üben, Üben! Jeden Tag üben, die Stimme ständig trainieren. Aber das muss nicht langweilig sein. Üben ist für mich wie Meditation. Und diese Stimmlage kam ganz von selber, es hat sofort funktioniert, nachdem ich mich entschlossen hatte, das Baritonfach zu verlassen.“


Bejun Mehta hat seit seiner Universitätszeit, als er in Germanistik mit einer Arbeit über Heinrich Heine abschloss,  eine besondere Beziehung zur deutschen Sprache. Hilft ihm diese Nähe zum Text auch bei seiner Erarbeitung von Opernpartien oder im Konzertsaal? „In erster Linie beim Lied. Aber auch dabei, in die deutsche Welt zu kommen. Ich wohne in New York und Berlin, aber meine Art zu musizieren ist, glaube ich, spezifisch deutsch in ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Suche nach Wahrheit.“ Mehta hat dieses Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und gehört so zur Zwischengeneration der Countertenöre, seit den Anfängen Mitte des 20. Jahrhunderts in England bis zu dem Falsett-Boom mit Stars wie Franco Fagioli oder Philippe Jaroussky. Wie erklärt er sich die Tatsache, dass Countertenöre heute beim Publikum so gefragt sind: „Das hat mit der historischen Aufführungspraxis zu tun, die in den 1970er Jahren aufkam. Und rein historisch betrachtet, sind wir Countertenöre immer noch eine Neuerscheinung auf den großen Opernbühnen der Welt. Die Soprane und Tenöre sind schon Jahrhunderte da, wir dagegen ungefähr nur dreißig Jahre. Und es ist ja toll, dass heutige Komponisten auch Werke für Countertenöre schreiben.“ So hat Mehta zum Beispiel George Benjamins „Dream of the Song“ und Toshio Hosokawas „Stilles Meer“ uraufgeführt. Gibt es ein Zeitlimit, wie lange Countertenöre singen können? „Ich bin sehr froh, dass meine Stimmen noch sehr gesund ist!“


(Ludwigsburger Kreiszeitung 6.10.2018)





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