Tanz



Im Rausch der Tutus


Stuttgarter Ballett eröffnet seine Saison mit „Shades of White“


Weiß ist die Grundfarbe aller Giselles, Sylphiden, verzauberten Schwanenprinzessinnen, welche die klassische Tanzbühne bevölkern und die Ballettfans entzücken. Tamas Detrich, der neue Stuttgarter Ballettintendant, hat an den Beginn seiner ersten Spielzeit als Huldigung an die Tradition diesen weißen Traum eines Ballettabends gesetzt: „Shades of White“ zeigt die Facetten dieser klassischen Kunst in drei Varianten. Doch Tutus – jene kurzen tellerförmigen Röckchen der Ballerinen über ihren schier endlosen, weiß bestrumpften Beinen – gibt es überall.


Bei John Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ von 1966 sind es nur zwei, doch wie Alicia Amatriain und Ami Morita ihren wechselnden Partnern aus der Zwölferriege der Männer – selbstverständlich auch ganz in Weiß – den Kopf verdrehen, ist sehr hübsch anzusehen. Die beiden Solistinnen repräsentieren die beiden Soloinstrumente aus Mozarts glechnamigem Konzert, die Männer tanzen zumeist in zwei Sechser- und Fünferformationen (denn einer von ihnen ist ja mit der Dame im Tutu beschäftigt). Das ist alles sehr musikalisch choreographiert und ab und zu sogar witzig, zum Beispiel wenn sich die Füße im Quickstep bewegen, doch gehört das Stück gewiss nicht zu Crankos besten abstrakten Balletten, trotz seiner kurzen, anmutigen Pas de deux. Und was die Synchronizität des Männer-Corps angeht, ist in dieser Wiederaufnahme noch Luft nach oben.


Der Schattenreich-Akt aus Minkus/Petipas exotischem Opus „La Bayadère“, 1877 in St. Petersburg uraufgeführt, ist fürs Stuttgarter Ballett eine echte Premiere. Rudolf Nurejew hat das Ballettdrama 1963 am Londoner Royal Ballet für den Westen entdeckt, Natalia Makarova hat den Schattenakt elf Jahre später für das American Ballet Theatre in New York choreographiert und nun auch in Stuttgart einstudiert. Die Geschichte der Bayadère, in der eine indische Tempeltänzerin den Kriegshelden Solor liebt, von dessen Braut aber mit Hilfe eines Schlangenbisses getötet wird, worauf jener im Opiumrausch seine Geliebte im Königreich der Schatten wiederfindet, gipfelt in dieser Begegnung in zauberhafter Kulisse. Ein bleicher Mond scheint über einer Gebirgsszene, die Bühne ist von Baumriesen gerahmt, auf einer schrägen Rampe schreiten die verwunschenen Bajaderen eine nach der anderen herab, mit grazil nach vorne gestrecktem Arm und einer Beinarabeske zur folgenden. Es sind 24 Tänzerinnen in ihren Tutus, die sich zu reinsten klassischen Ballettposen auf der Bühne arrangieren. Sensationell sind dann im variierten Grand Pax de deux die Sprünge von Adhonay Soares da Silva, des neuen Ersten Solisten der Compagnie, die lupenreinen Schritte und Pirouetten seiner Partnerin Elisa Badenes, und das Solo der Corps-Tänzerin Diana Ionescu, die dafür mit Extra-Applaus gefeiert wird.


Sind es außer Soares da Silva am Schluss des „Bayadère“-Aktes 28 Ballerinen und Tutus, so bezirzt George Balanchines „Sinfonie in C“ in seiner wie auf dem Reißbrett entworfenen neoklassischen Symmetrie auf noch spektakuläre Weise. Dieses Meisterwerk von 1948, seit 2002 (und viel zu selten) im Repertoire des Stuttgarter Balletts, bringt in den vier Sätzen von Georges Bizets gut gelaunter Sinfonie jeweils ein Solo- und zwei Begleitpaare samt weiblichem Tutu-Corps de ballet auf die Bühne, wunderbar einfallsreich im Figurenreichtum der Bewegungen, der Interaktion zwischen Gruppen und Individuen. Miriam Kacerova und Friedemann Vogel machen beim „Allegro vivo“ den Anfang, Alicia Amatriain und Jason Reilly zelebrieren das Adagio, Hyo-Jung Kang mit Soares da Silva und Badenes mit Moacir de Oliviera tanzen die folgenden „Allegro vivace“ – alles im kunstvoll abgezirkelten Wirbel tänzerischer Vollkommenheit. Als der Vorhang fiel, brach im ausverkauften Opernhaus ein Sturm der Begeisterung los.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 15. Oktober 2018)


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Im Kubus der Obsessionen

 

Körper hängen kopfüber im Raum, liegen fötal gekrümmt auf dem Boden, aus den Lautsprechern pochen Herzschläge. Dann kriechen zwei Tänzer aus den Kulissen auf die Bühne, erstarren wie Raubtiere vor dem Sprung, kriechen in Slow Motion aufeinander zu, beschnuppern sich: das Animalische, Kreatürliche ist ein wesenhaftes Element von Nanine Linnings Körpersprache. Die niederländische Choreographin, bis vor kurzem Ballettdirektorin am Heidelberger Stadttheater, ist nun mit ihrer eigenen Company unterwegs und war nach ihrem letztjährigen, begeistert aufgenommenen Gastspiel mit „Hieronymus B.“ im Forum jetzt zu zwei Abenden im Turm der Theaterakademie: ein wegen seiner Nähe zwischen Bühne und Zuschauern idealer Spielort für „Bacon“, dessen radikale Körpersprache in diesem intimen Theaterambiente ungeheuer eindrucksvoll wirkte.

 

Francis Bacon, auf dessen Bilderwelten sich Nanine Linning in ihrem Stück bezieht, war ein britischer Maler des 20. Jahrhunderts, dessen Figuren häufig verzerrt und deformiert erscheinen und in ein imaginäres, käfigartiges Geviert von Linien gespannt sind. So ist auch der perspektivisch aus Drähten konstruierte Bühnenaufbau konzipiert, in dem zwei schräg aufeinander zulaufende Wände ein zusätzliches Element der Klaustrophobie erzeugen und zugleich als Projektionsflächen der suggestiven Videosequenzen von Juliane Noß dienen. Die riesigen Augen einer Eule, Raubtiergebisse, Traumsequenzen, grafisch abstrakte Bilder laden die tänzerischen Aktionen mit vielschichtiger Bedeutung auf. Doch schon allein die in den Raum katapultierten Bewegungen, Konfrontationen, obsessiven Paarungen der Figuren auf der Bühne zur Musik von Jacob ter Veldhuis sind von ungeheurer Expressivität.

 

Mating-Rituale werden mit Aggressivität ausgespielt, Kampf und Dominanzstreben, Verletzung und Unterwerfung sind Impulskräfte in den furiosen Pas de deux, ein Paar kriecht wie Insekten aneinander gefesselt über den Boden. Trotz aller Schönheit der warm ausgeleuchteten, fleischfarben bekleideten Tänzer und der faszinierenden Ästhetik von Nanine Linnings Tanz-Inszenierung erlebt man die Protagonisten als Gefesselte, Leidende, existentiell in eine Welt Geworfene, welche die Choreographin als vom „Reptilgehirn des Menschen“ dominiert beschreibt. Während einige der Tänzer mit Raubtiergebrüll aufeinander los gehen, fragt man sich als Zuschauer, wie lange noch diese an Folter erinnernde, kopfüber an den Füßen gefesselt an einer Kette hängende, sich windende Tänzerin das aushalten muss, bis sie erlöst wird. Endlich befreit, hört man Stöhnen und Vogelgekreisch aus den Lautsprechern.

 

Schockierend ist die Szene, wenn eine andere Tänzerin sich in Zeitlupe an eine in einer Wandöffnung sichtbare Kloschüssel heranrobbt und mit dem Kopf darin verschwindet, oder das Solo einer kalkweiß ausgeleuchteten, in spastischen Bewegungen agierenden Figur. Gegen Ende des 70minütigen Stücks scheint es in einem vom sanften Bratschenton begleiteten Pas de deux zu einer endlich einmal gewaltlosen, harmonischen Begegnung zweier Individuen zu kommen. Doch der Ton wird schriller bis zum Schmerzhaften, die Besessenheit steigert sich in den Körperaktionen dieses Paars bis ins Wilde, Elementare. Nanine Linnings „Bacon“ ist ein kunstvoll inszenierter Spiegel unserer von aggressiven Instinkten bedrohten Welt.

 

(Ludwigsburger Kreiszeitung 27. Oktober 2018)

 

 

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