Tanz

Anziehung, Abstoßung, Tanzekstasen


Deuces“: Gauthier Dance mit acht Uraufführungen von Duos im Theaterhaus


„Think big! Dream big!“ waren die ersten Worte der wie gewohnt launigen Begrüßungsrede Eric Gauthiers bei der Premiere des neuen Ballettabends. Am liebsten hätte er eine Million für seine Tänzer und seine choreographischen Ideen – aber nachdem einer der Großsponsoren seiner Truppe für dieses Jahr abgesprungen ist, fehlen ein paar Hunderttausend für seine im Stuttgarter Theaterhaus beheimatete Compagnie. Wenn es jedoch noch eines Beweises bedurft hätte, dass Gauthier Dance im dreizehnten Jahr ihres Bestehens aus der deutschen und internationalen Tanzszene nicht mehr wegzudenken ist: „Deuces“ war eine bravouröse Antwort. Der Titel – „Zweier“ – steht für Duos, die acht Starchoreographen aus sechs Ländern vor Ort in Spanien, Portugal, Italien, Israel, den Niederlanden und Deutschland mit Gauthier Dance erarbeitet haben.


Sechzehn Tänzerinnen und Tänzer, acht Stücke, jedes ganz stark von der individuellen Handschrift der beteiligten Choreographen geprägt: das ergibt einen tollen, abwechslungsreichen Tanzabend, in dem es einige spektakuläre Höhepunkte, Virtuosität und Akrobatik, spannend erzählte Paarbeziehungen und eigentlich keinen Flop gibt. Dass Nacho Duatos „Julia“ mit zwei barbusigen Tänzerinnen, die sich auf einem hochbeinigen Tisch schmachtend umarmen und trotz ungewöhnlicher Körperartistik (zum Beispiel eine vierbeinige Krabbe in der Horizontale) wenig zum Tanzen kommen, etwas abfällt, überrascht bei diesem exzellenten Choreographen. Eine Männerphantasie?


Der Abend beginnt mit „Scratch“ von Rui Horta: der Portugiese verkabelt Garazi Perez Oloriz und Rosario Guerra mit Mikro-Kontakten in der Hose, woraus sich ein geräuschintensiver, explosiver Body-Talk ergibt mit aggressiven Körperwürfen auf der Tanzmatte. Ed Wubbe, künstlerischer Leiter des Scapino Balletts Rotterdam, steckt Joana Martins und Elizabeth Turtschi in Matrosen-Mützen und T-Shirts und exerziert mit ihnen um ein schwingendes Lichtpendel herum fröhliche Synchronbewegungen. Eine witzige Paargeschichte erzählt Barak Marshall aus Israel mit Kibbuz-Flair: „Honigsaft“ scheint zwischen Loiza Avraam im grünen Kleidchen und Reginald Léfebvre auf der Sitzbank zunächst keiner zu fließen. Sie beschimpfen sich gegenseitig in ihren Muttersprachen, doch sobald die Töne einer Bach-Kantate in die Ohren dringen, tanzen die Beiden in spannender Harmonie, die allerdings immer nur kurze Zeit vorhält. „For D“ von Guy Weizman und Roni Haver, die im holländischen Groningen ihren Club betreiben, ist vor der Pause ein berührender Männer-Pas de deux, von Trockennebel umwabert und von einer Lichtquelle im Hintergrund befeuert, in die die beiden großartigen Tänzer Alessio Marchini und Robert Stephen in ihre homoerotischen Ekstasen eintauchen.


Sechs hohe Stelen strukturieren den abstrakten Bühnenraum und werden von den Tänzern, die ihren Auftritt schon oder noch nicht absolviert haben, von Stück zu Stück zu einer Videowand zusammengeschoben und wieder verteilt. Jedes Stück hat einen kurzen Prolog, in dem die Choreographen über ihre Auffassung von Tanz und Realität im Filmporträt sprechen, doch die Wirklichkeit ihrer Kunst geschieht live auf der Bühne. Mauro Bigonzettis „Deep Down“, mit Anneleen Dedroog und Maurus Gauthier als wunderbar intensivem, alle Stadien ihrer Beziehung erfindungsreich auslotendem Paar, ist das Hetero-Pendant zu „For D“. Richard Segals „Prima“ setzt einen hippen Jitterbug zu Benny Goddmans Jazz-Evergreen „Sing, Sing, Sing“ dagegen mit der quirligen Bruna Andrade und dem coolen Nicholas Losada. Und Goeckes „The Heart“ mit Jonathan dos Santos und Theophilus Vesely ist der krönende Abschluss, wie immer mit einer extrem nervösen, flatternden, hypersensiblen Bewegungssprache, in der die beiden Tänzer nur für Augenblicke – eine Hand auf einer Brust, Arme gekreuzt, vom Drive ihrer Beine magnetisch angezogen – zu einander finden. Für die sechzehn Tänzer und alle Choreographen, die zu ihren acht Uraufführungen am Schluss auf der Bühne waren: Standing Ovations!


(Ludwigsburger Kreiszeitung 18. März 2019)

Lebendige Individualität und Gemeinschaft


Jirí Kyliáns faszinierendes Tanzstück „One of a Kind“ neu beim Stuttgarter Ballett


Als Tänzer kam Jirí Kylián 1968 auf Einladung John Crankos ins Stuttgarter Ballett, schon wenige Jahre später schuf er seine ersten Choreographien für die Noverre Gesellschaft, und 1974 - nach dem Tod Crankos diesem gewidmet - „Rückkehr ins fremde Land“. Tamas Detrich, der neue Stuttgarter Ballettintendant, tanzte später bei den Kylián-Uraufführungen von „Vergessenes Land“ und „Stepping Stones“. Nun hat er den berühmten Modern-Dance-Choreographen und langjährigen künstlerischen Leiter des Nederlands Dans Theater nach Stuttgart zurückgebracht zur Einstudierung seines abendfüllenden „One of a Kind“, das 1998 zum 150jährigen Jubiläum der holländischen Verfassung für das NDT entstand. Auch dies ein Meisterwerk Kyliáns, zurecht bejubelt bei der Premiere im Opernhaus. Für Jirí Kylián, der am Schluss von Detrich auf die Bühne geführt wurde, gab es stehende Ovationen.


„One of a Kind“ - man könnte den Titel mit „Eine(r) aus der menschlichen Spezies“ übersetzen – ist ein groß besetztes, dreiaktiges Ballett ohne Handlung, doch mit inhaltsreichen Aktionen. Eine Tänzerin steigt zu Beginn aus dem Parkett über einen Steg auf die Bühne, die vom japanischen Architekten Atsushi Kitagawara mit bizarren Linien und trümmerartigen Mauerteilen bebildert ist. Miriam Kacerova ist die kreatürliche, Kyliáns großartig einfallsreiche Körpersprache zwischen skulpturalen Stops, ins Archaische ausgreifender Exotik und klassischem Vokabular darstellende Protagonistin, die sich zur faszinierenden Musikcollage des australischen Komponisten Brett Dean den Raum erobert. Vittoria Girelli, Elisa Badenes, Angelina Zuccarini, Rocio Aleman folgen mit weiteren Solos in den äasthetischen Körpertrikots Joke Vissers: es ist ungeheuer spannend, wie sie sich gegenseitig in ihrer Bewegungssprache inspirieren. Kyliáns Stück handelt von den Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft – damals zum Verfassungsjubiläum der Niederlande das passende Thema, doch in seiner Vielfalt viel universaler.


So wie sich in Deans Musik-Mix Gesualdos Renaissance-Madrigale und John Cages Stücke für präpariertes Klavier, chinesische Tempelgongs und Benjamin Brittens Cello-Lamento die Hand reichen, so begegnen sich auf der Bühne die Tänzerinnen und Tänzer in Duetten, in einem Pas de quatre, von tastender Berührung bis zu immer dynamischeren, atemberaubend explosiven Paarungen, mit einem finalen Pas de deux von Kacerova und Jason Reilly im 1. Akt. Während das Publikum in die erste Pause strömt, geht das Geschehen auf der Bühne weiter, die Protagonistin bleibt immer präsent, während sich das Corps der Solisten in Exercices für den zweiten Akt aufwärmt. Der entwickelt eine weit aggressivere, alptraumartig sich zuspitzende Dynamik: ein quadratisches Segel und ein riesiger, sich immer tiefer senkender Spitzkegel sind nun die Bühnenelemente, neue Individuen wie Agnes Su und Adhonay Soares da Silva treten auf, der Cellist Francis Gouton wird Teil der dramatischen Aktion, schrammt elektronisch vervielfältigt auf seinem Instrument mit ohrenbetäubender Wucht. Am Schluss liegt Miriam Kacerova wie erledigt am Bühnenrand, das Corps steht in Reih und Glied als formierte Gesellschaft.


Unter einem Lichtwasserfall und zwischen tempelartigen Treppenstufen zelebriert Kyliáns Choreografie den Schlussakt. Nun sind es vier ineinander fließende Pas de deux, die eine leidenschaftliche Kommunikation entfalten, feierlich akzentuiert durch Goldfäden-Vorhänge. Dieser letzte Teil hat nicht mehr den hinreißenden Schwung der beiden ersten Akte, doch auch hier kommen neue Tänzerpersönlichkeiten hinzu wie Anna Osadcenko oder Friedemann Vogel, die in ihren Duetten mit Roman Novitzky und Agnes Su noch einmal spannungsreiche Facetten zum Ausdruck bringen. Das letzte Solo, vom Cello begleitet, hat Miriam Kacerova: eine grandiose Verkörperung der Idee einer harmonisch und ekstatisch lebendigen Individualität.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 25. Februar 2019)



Im Rausch der Tutus


Stuttgarter Ballett eröffnet seine Saison mit „Shades of White“


Weiß ist die Grundfarbe aller Giselles, Sylphiden, verzauberten Schwanenprinzessinnen, welche die klassische Tanzbühne bevölkern und die Ballettfans entzücken. Tamas Detrich, der neue Stuttgarter Ballettintendant, hat an den Beginn seiner ersten Spielzeit als Huldigung an die Tradition diesen weißen Traum eines Ballettabends gesetzt: „Shades of White“ zeigt die Facetten dieser klassischen Kunst in drei Varianten. Doch Tutus – jene kurzen tellerförmigen Röckchen der Ballerinen über ihren schier endlosen, weiß bestrumpften Beinen – gibt es überall.


Bei John Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ von 1966 sind es nur zwei, doch wie Alicia Amatriain und Ami Morita ihren wechselnden Partnern aus der Zwölferriege der Männer – selbstverständlich auch ganz in Weiß – den Kopf verdrehen, ist sehr hübsch anzusehen. Die beiden Solistinnen repräsentieren die beiden Soloinstrumente aus Mozarts glechnamigem Konzert, die Männer tanzen zumeist in zwei Sechser- und Fünferformationen (denn einer von ihnen ist ja mit der Dame im Tutu beschäftigt). Das ist alles sehr musikalisch choreographiert und ab und zu sogar witzig, zum Beispiel wenn sich die Füße im Quickstep bewegen, doch gehört das Stück gewiss nicht zu Crankos besten abstrakten Balletten, trotz seiner kurzen, anmutigen Pas de deux. Und was die Synchronizität des Männer-Corps angeht, ist in dieser Wiederaufnahme noch Luft nach oben.


Der Schattenreich-Akt aus Minkus/Petipas exotischem Opus „La Bayadère“, 1877 in St. Petersburg uraufgeführt, ist fürs Stuttgarter Ballett eine echte Premiere. Rudolf Nurejew hat das Ballettdrama 1963 am Londoner Royal Ballet für den Westen entdeckt, Natalia Makarova hat den Schattenakt elf Jahre später für das American Ballet Theatre in New York choreographiert und nun auch in Stuttgart einstudiert. Die Geschichte der Bayadère, in der eine indische Tempeltänzerin den Kriegshelden Solor liebt, von dessen Braut aber mit Hilfe eines Schlangenbisses getötet wird, worauf jener im Opiumrausch seine Geliebte im Königreich der Schatten wiederfindet, gipfelt in dieser Begegnung in zauberhafter Kulisse. Ein bleicher Mond scheint über einer Gebirgsszene, die Bühne ist von Baumriesen gerahmt, auf einer schrägen Rampe schreiten die verwunschenen Bajaderen eine nach der anderen herab, mit grazil nach vorne gestrecktem Arm und einer Beinarabeske zur folgenden. Es sind 24 Tänzerinnen in ihren Tutus, die sich zu reinsten klassischen Ballettposen auf der Bühne arrangieren. Sensationell sind dann im variierten Grand Pax de deux die Sprünge von Adhonay Soares da Silva, des neuen Ersten Solisten der Compagnie, die lupenreinen Schritte und Pirouetten seiner Partnerin Elisa Badenes, und das Solo der Corps-Tänzerin Diana Ionescu, die dafür mit Extra-Applaus gefeiert wird.


Sind es außer Soares da Silva am Schluss des „Bayadère“-Aktes 28 Ballerinen und Tutus, so bezirzt George Balanchines „Sinfonie in C“ in seiner wie auf dem Reißbrett entworfenen neoklassischen Symmetrie auf noch spektakuläre Weise. Dieses Meisterwerk von 1948, seit 2002 (und viel zu selten) im Repertoire des Stuttgarter Balletts, bringt in den vier Sätzen von Georges Bizets gut gelaunter Sinfonie jeweils ein Solo- und zwei Begleitpaare samt weiblichem Tutu-Corps de ballet auf die Bühne, wunderbar einfallsreich im Figurenreichtum der Bewegungen, der Interaktion zwischen Gruppen und Individuen. Miriam Kacerova und Friedemann Vogel machen beim „Allegro vivo“ den Anfang, Alicia Amatriain und Jason Reilly zelebrieren das Adagio, Hyo-Jung Kang mit Soares da Silva und Badenes mit Moacir de Oliviera tanzen die folgenden „Allegro vivace“ – alles im kunstvoll abgezirkelten Wirbel tänzerischer Vollkommenheit. Als der Vorhang fiel, brach im ausverkauften Opernhaus ein Sturm der Begeisterung los.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 15. Oktober 2018)


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