Theater

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Familien im Kriegszustand

„Vögel“ und „Orestie“ zum Saisonauftakt im Schauspiel Stuttgart

 

Der Intendant selbst macht den Anfang: Burkhard C. Kosminski, vom Mannheimer Nationaltheater nach Stuttgart engagiert, setzt gegenüber den oft halbgaren, auf Revue und Videospektakel zielenden Stücken im Spielplan seines Vorgängers Armin Petras konsequent auf Schauspieler- und Autorentheater. Mit „Vögel“ von Wajdi Mouawad präsentiert Kosminski eine deutsche Erstaufführung zu Beginn seiner ersten Spielzeit, in der Identität und Mehrsprachigkeit eine wichtige Rolle spielen. Auf der Bühne wird Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch geredet, entsprechend ist die Auswahl der Schauspieler, die den teilweise redundanten und monologischen Text sich überzeugend zu eigen machen. Die Bühne ist dagegen spartanisch auf wenige Möbel und bewegliche weiße Papiervorhänge reduziert, auf denen die deutschen Übersetzungen projiziert werden. Und die Drehbühne  - wegen eines Steuerungsdefekts konnte die Saison im Schauspielhaus erst jetzt beginnen – funktioniert perfekt: auf ihr kreist die Geschichte von Eitan und Wahida, mit vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, als Familienkonflikt mit tragischem Potential.

 

Der junge Genforscher Eitan (Martin Bruchmann) verliebt sich in New York in die arabische Studentin Wahida (Amina Merai). Als er sie in Berlin seinen jüdischen Eltern vorstellt, kommt es zum Streit mit seinem Vater, der aufgrund des Holocaust und der Feindschaft der Araber gegenüber Israel eine solche Heirat nicht akzeptieren kann, da er sich voll und ganz mit dem Leiden seines Volkes identifiziert. Der israelische Schauspieler Itay Tiran macht den radikalen Fundamentalismus dieser Figur großartig deutlich, Silke Bodenbender als seine Frau bleibt dagegen etwas blass. Gegenentwürfe sind Davids Eltern: der Auschwitz-Überlebende Etgar, den Dov Glickman mit gelassener Humanität darstellt, und die sarkastisch unkonforme Leah, die Eitan in Jerusalem aufstöbert, wo er im Bus an einem Grenzübergang bei einem Attentat schwer verletzt wird. Solche Kolportage-Elemente wirken im Stück des im Libanon geborenen franko-kanadischen Autors reichlich konstruiert, vermitteln jedoch in ihrer szenischen Ausführung eine gewisse Authentizität. Das Verhör von Wahida durch die israelische Soldatin Eden (Maya Gorkin) zum Beispiel ist beklemmend. An Eitans Hospitalbett kommt es schließlich zur Katharsis: von Leah erfährt David, dass er kein Jude ist, sondern ein Findelkind, das ihr Mann als israelischer Soldat im Sechstagekrieg aus einem zerbombten palästinensischen Dorf gerettet hat. Dadurch bricht seine ganze Ideologie zusammen, doch die euphorische Befreiung bezahlt David mit seinem Infarkttod. Womit das Stück als Parabel endet, an dessen Schluss freilich nicht Lessings Nathan-Weisheit triumphiert, sondern Wahida in ihre arabische Identität flüchtet und Eitan kein Ende von Hass und Krieg erkennen kann. Nur im Märchen des Amphibienvogels, dem beim Hinabtauchen zu den wunderbaren, fremdartigen Fischen Kiemen wachsen und das Atmen ermöglichen, kommt diese Geschichte zu einem glücklichen Ende.

 

Schärfer und prägnanter als Mouawads „Vögel“ kam am darauf folgenden Abend Robert Ickes Bearbeitung der Orestie des Aischylos im Schauspielhaus auf die Bühne. Die ewigen Fragen von Schuld und Sühne, Wahrheit und Gerechtigkeit werden hier in einem gegenwärtigen Kontext verhandelt. Zu Beginn sitzen sie alle als alltägliche, glückliche Familie am Tisch: Agamemnon, Klytämnestra und ihre drei Kinder, doch hinter den gläsernen, oft blindgrauen Schiebewänden, die in das hochgemauerte Zitat eines griechischen Theaters eingepasst sind (Bühne: Hildegard Bechtler), lauert Unheil, Schicksal, Politik. Den inneren Kämpfen des Kriegers Agamemnon, dem das Ungeheuerliche abverlangt wird, aus einer von Menelaos (Michael Stiller) vertretenen Staatsraison seine Tochter Iphigenie zu opfern, hat Icke den ersten Teil der dreieinhalbstündigen Aufführung gewidmet. Was vom antiken Chor bei Aischylos nur als Vorgeschichte reportiert wird, erhält hier in Matthias Lejas faszinierender Darstellung das Gewicht eines Psychodramas, welches alle folgenden Handlungen dominiert: die bis zur starren Gefühllosigkeit deformierte Empathie von Sylvana Krappatschs Klytämnestra, die Träume und Alpträume Elektras (Anne-Marie Lux) und den Wahnsinn  Orests.

 

 In Form einer Psychoanalyse wird die Geschichte von Tochter-, Vater- und Muttermord zwischen dem in seiner Darstellung um Differenzierung bemühten Peer Oscar Musinowski und Marietta Meguid als nüchterner Ärztin aufgearbeitet. Dazwischen sind Szenen mit Kalchas (Paula Skorupa als ironische Reporterin und Zeremonienmeisterin) geschichtet, und zum Schluss kippt die Tragödie in eine Gerichtsverhandlung im Fernsehformat. Robert Icke spielt in seiner Inszenierung mit solchen medialen Bezügen, eine Digitaluhr zeigt die Realzeit der im Stück passierenden Morde, auf Video-Bildschirme an den Seiten des Zuschauerraums werden Verhöre und Staatsakte projiziert, selbst die Pausen sind auf die Sekunde genau terminiert. Die Aufführung, welche die Themen der Tragödie und die Beweggründe aller Figuren hinterfragt, lebt vom Dialog und vor allem den beiden starken Schauspielern Matthias Leja und Sylvana Krappatsch. Die Frage nach der Schuld oder Unschuld Orests, der vom Theatergericht schon zum Tode verurteilt wird, muss jeder Zuschauer für sich selbst beantworten.

 

 


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