Ausstellungen

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Kaleidoskopisches Leben und Schreiben

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach zeigt die Ausstellung „Laß leuchten! Peter Rühmkorf“

 

            Ein Leben langsam zu Ende führen,

            das keinem Menschen wehtut

            und niemanden etwas angeht,

            Seinen Rechen still durch den Staub ziehn

            Furche um Furche

            Zeile für Zeile Vers um Vers …

 

In diesen Zeilen von Peter Rühmkorf aus seinem 1989 erschienenen Gedichtband „Einmalig wie wir alle“ schwingt Resignation, doch auch das Selbstbewusstsein eines Autors, dessen Leben keineswegs geprägt war von Zurückgezogenheit oder Abgeschiedenheit von den Auseinandersetzungen seiner Zeit. 1929 als unehelicher Sohn einer Pastorentochter und eines Puppenspielers, den er nie kennenlernte, geboren, Flakhelfergeneration, nach dem Krieg erste Gedichte und Gründer des Studentenkabaretts „Die Pestbeule“, erster Lyrikband „Irdisches Vergnügen in g“ 1959, Mitglied der Gruppe 47 und starkes politisches Engagement in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, „Lyrik und Jazz“ in Hamburg und Versuche als Dramatiker, seit den 1980ern und bis zu seinem Tod 2008 mit Gedichtbänden, Essays, Poetikvorlesungen und unzähligen Literaturpreisen etabliert: Peter Rühmkorfs Leben und Werk wird ab 25. Oktober (es wäre sein 91. Geburtstag) im Schiller-Nationalmuseum in Marbach in einer hervorragend präsentierten Ausstellung (bis zum 1. August 2021) gezeigt. 

Die von der Arno-Schmidt-Stiftung konzipierte Schau, die zuerst in Hamburg zu sehen war, ist doch in Marbach am richtigen Ort: der über 600 Kästen umfassende Nachlass dieses Dichters liegt im Deutschen Literaturarchiv, dem Rühmkorf schon zu Lebzeiten den größten Teil als Vorlass vermachte. Beim Betreten des „Raums der Gedichte“, einem im Stil der Sechzigerjahre ausgestatteten Lyrik-Kabinett, begegnet man Rühmkorf mit zehn Beispielen seiner Poesie: auf Glasvitrinen projiziert, aus Worten und Zeilen wachsend. Über Kopfhörer kann man sie gesprochen erleben wie auch interpretiert von Autoren wie Nora Gomringer, Jan Philipp Reemtsma oder Franziska Augstein. Hier wird die Fülle der Themen und Stilmittel, mit denen Rühmkorf umging, deutlich: hoher Ton und Parodie (wie in seinen Umtextungen barocker Lyrik), Alltagssprache und Slang, originelle Wortschöpfungen und Kalauer, Montage von Aktualität und vielschichtiger Aussage. 

„Laß leuchten! Peter Rühmkorf – selbstredend und selbstreimend“ lautet der Titel der Marbacher Ausstellung. In dem Gedicht von 1979, aus dem der Imperativ entlehnt ist, geht der Erinnerungsblick des lyrischen Ich von den Anfängen über die Erregungen zur Mühsal der Jahre: „Alles ist schon son bißchen Schieschie, / nichts geht mehr lustig vonstatten; / wie sich auf einer Beerdigung die / Lebensbäume begatten. / Langsam bis in die Krone verfilzt; Ausfälle nicht mehr zu leugnen…“ Und doch bliebt ein Ziel: „… Dabei weißt du genau, was du willst: / einmal dich richtig ereignen.“ Dies wird im Kuppelsaal des Museums anhand des Entstehungsprozesses seines Gedichts „Selbst III/888“ mit den 695 Blättern von Notizen und Vorstufen demonstriert, die auf einer Wand in der von Rühmkorf vorgesehenen Ordnung aufgereiht sind und mittels eines Touchscreens zu den einzelnen Versen aufgerufen werden können. Man steht quasi mitten in der poetischen Werkstatt des Autors, interaktiv ist auch die „Poetik-Maschine“, an der seine Art zu reimen, seine Ironie und die politischen Prioritäten seiner Lyrik erfahrbar werden. 

In den weiteren Räumen geht es um das prägende Erlebnis des Krieges, seine Ehe mit Eva Rühmkorf und deren Einsatz für eine Humanisierung des Strafvollzugs in Hamburg, sein Verhältnis zu den Frauen, seine Schriftsteller-Freundschaften mit Enzensberger, Grass, Robert Gernhardt und Horst Jannsen, seine Zeit als Lektor beim Rowohlt-Verlag, seine in Filmausschnitten gezeigten Auftritte mit Michael Naura und seinem Jazztrio. Im Umzugsjahr nach Oevelgönne 1967 veröffentlicht Rühmkorf seine Sammlung von Kinder- und Leuteversen mit Essays unter dem Titel „Über das Volksvermögen“: die wird ebenso anschaulich präsentiert wie seine Tagebuchaufzeichnungen der beiden Bände „Tabu“ und wie die von ihm selbst noch eingelesenen Gedichte seines letzten, im Todesjahr 2008 veröffentlichten Lyrikbandes „Paradiesvogelschiß“.  Im Gedicht „All dein Glück wie nie gewesen“, welches auch als eine der poetischen Projektionsfahnen im Lyrik-Kabinett schwebt, lautet die Schlussstrophe:


            Oder du auf deiner Einmannliege,

            nachts, auf dem verrutschten Tuch, 

            wirst du deiner Einzigkeit gewahr – 

            und es wär schon gut, wenn jetzt ein Buch

            über dir zusammenschlüge

            wie ein lichtgesäumtes Flügelpaar.

 

            

            

Wem sonst als Dir

Literaturmuseum der Moderne zeigt „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“

 

Das Widmungsexemplar des „Hyperion“ an seine Geliebte Susette Gontard mit der ikonografischen Zueignung „Wem sonst als Dir“ ist eines der zahlreichen Exponate aus der Hölderlin-Sammlung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, welche als Teil der Jubiläumsausstellung gezeigt werden. Zu Hölderlins 250. Geburtstag am 20. März sollte die Ausstellung eröffnet werden, doch die Coronavirus-Pandemie kam dazwischen. Nun ist die intellektuell und kreativ anregende Schau mit zweimonatiger Verspätung öffentlich zugänglich, die Ansprache des Bundespräsidenten wird am 23. Mai digital zugespielt.

 

Spielerisch ist - wie bei den Wechselausstellungen des Marbacher LiMo unter der Ägide der Literaturarchiv-Direktorin Sandra Richter und der Museumsleiterin Heike Gfrereis üblich – auch der Zugang für die Besucher. Auf einer Pinwand im Eingangsbereich gegenüber von Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat können sie Erinnerungsworte („Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“) oder Verse aus Hölderlin-Gedichten („heilignüchtern“) anbringen, in einer Tüte können sie während des Rundgangs auf Karten die 36 Wörter aus Hölderlins viel zitiertem Gedicht „Hälfte des Lebens“ einsammeln. Akribisch sind darauf verwandte Wortfelder gezählt, gesammelt und aufgelistet. An zwei Spielautomaten lassen sich die Vokale, Konsonanten, Satzzeichen, Wörter, Zeilen dieses Textes in der Art einer Registerorgel zu Tönen und Klängen kombinieren. In Coronazeiten mit dem obligatorischen Mund-Nasen-Schutz und Gummihandschuhen bewehrt, ist hier wegen der Abstandsregeln allerdings nur ein einziger Besucher zugelassen. 

 

Anders im Hauptraum mit den drei Kapitelreihen zum Thema „Hölderlin lesen“. Hier sind einmal Originalhandschriften chronologisch geordnet, zum zweiten spiegelt sich Hölderlins Werk in seiner lyrischen Rezeption zitathaft vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, und bei „Hölderlin im Labor lesen“ wird mit Augen, Stimme, Pulsschlag, Gestik der Besucher experimentiert, auf Glasflächen projiziert und für ein Forschungsprojekt des Tübinger Leibniz-Instituts aufgezeichnet. 

 

1785 übt sich der 15jährige Hölderlin nach dem Vorbild von Schillers „Räubern“ als nächtlicher Wanderer zwischen „schnaubend Tod“ und „des Mordes Hauf“. Als Maulbronner Klosterschüler orientiert er sich in Freundschaft- und Liebesgedichten an Klopstock und Goethe, als Theologie-Student und Gefährte von Schelling und Hegel im Tübinger Stift besingt er in Hymnen unter dem Eindruck der Französischen Revolution Freiheit, Unsterblichkeit, Kühnheit, Schönheit – und den Genius Griechenlands. Als Hauslehrer kommt er 1796 nach Frankfurt: Susette, die 27jährige Frau des Bankiers Gontard, wird seine Muse und Geliebte. „An Diotima“ ist ein Gedichtentwurf aus der Zeit ihrer erzwungenen Trennung: „ Singen möcht ich von dir / Aber nur Tränen / Und in der Nacht in der ich wandle erlöscht mir dein / Klares Auge! …. Himmlischer Geist.“ Auf der Seite davor hatte Hölderlin notiert: „An. / Elysium. / Dort find ich ja / Zu euch ihr Todesgötter / Dort Diotima … Heroen.“ 

 

Während dieser letzten Jahre des 18. Jahrhunderts schreibt er auch das erste Buch seines „Hyperion“-Romans und erneuert den Mythos Griechenland. Nun entstehen - inspiriert von Metrum, Syntax und Strophenform der antiken Lyriker Sappho und Pindar – die großen Oden wie „Brod und Wein“, „Der Archipelagus“, „Friedensfeier“. Einen großen Raum in dieser chronologischen Auswahl nimmt das Spätwerk jenes anscheinend „umnachteten“ Hölderlin ein, der viele seiner zwischen 1809 und 1843 in der Pflege beim Tübinger Tischlermeister Zimmer am Neckar entstandenen Gedichte „Mit Unterthänigkeit Scardanelli“ signierte.

 

Interessant sind die aus dem Bestand des Marbacher Literaturarchivs ausgestellten Zeugnisse der literarischen Nachwirkung Hölderlins. Sozusagen mit anderen Dichteraugen liest man Hölderlin in Texten Mörikes und Fontanes, Georges und Döblins, Hesses und Trakls, Heideggers, Benns und Ingeborg Bachmanns. Dass und wie Hölderlin im Hitlerreich völkisch und heroisch mißverstanden und instrumentalisiert wurde („Gesang des Deutschen: O heilig Herz der Völker, o Vaterland!“), wird in der Ausstellung nur am Rande behandelt. Für Paul Celan, dessen Eltern 1942 in einem SS-Arbeitslager ermordet wurden und der mit seiner „Todesfuge“ der Auffassung Adornos, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben wäre barbarisch, ein Leuchtzeichen entgegensetzte, ist Hölderlin der „schlechthin Fragmentarische“ und Vorläufer der Moderne. In Celans Werk wetterleuchtet Hölderlins tiefsinniger, bildergesättigter Ton - dekonstruiert und hinterfragt, wie zum Beispiel in seiner „Ars Poetica 62“; die mit den Zeilen beginnt: „Das große Geheimnis – beim Bärlapp, da stands, / auf der Wiesen, / Ich hätte es pflücken können, leicht, mit zwei Zehen / Aber ich hatte zu tun, ich brachte / Hyperion die Sprache bei, / auf die es uns Hymnikern ankam.“ Am Ende des Gedichts nennt Celan das Schatzwort, in dem Hölderlins Poesie aufgehoben scheint: „sinnig“.

 

(Ab 23. Mai im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs in Marbach a.N.)

Verwirrendes Spiel mit Täuschung und Illusion


Kunstmuseum Stuttgart zeigt OP Art und ihre Geschichte


Der Titel hat etwas Reißerisches und Mehrdeutiges: „Vertigo“ nennt sich die vom Kunstmuseum Stuttgart in Kooperation mit dem Mumok in Wien konzipierte Ausstellung über „Op Art und eine Geschichte des Schwindels“: wer dächte dabei nicht an Alfred Hitchcocks Thriller aus dem Jahr 1958 mit Kim Novak und James Stewart, dessen Tiefenangst schon im „Vertigo“-Trailer durch ein spiralförmig sich drehendes Auge symbolisiert wurde. Schwindelerregend sind auch manche der kinetischen Objekte und Installationen, die auf den drei Ebenen des Kubus im Kunstmuseum zu sehen sind; doch in einer anderen Bedeutung des Vertigo-Komplexes geht es auch um Schwindel, Täuschung, Manipulation beim Genre der Op Art, die ein New Yorker Kritiker bei ihrer Entstehung in den 1960er Jahren definierte als „Bilder, die das Auge attackieren“.

Nicht Inhalte wollen die Künstlerinnen und Künstler der OP Art primär vermitteln, sondern Bildwirkungen auf das Auge des Betrachters, dessen Realitätssinn erweitert oder in Frage gestellt wird. Der Betrachter wird aktiv in die Realisierung des Bildes mit einbezogen: Umberto Eco plädiert in seinem Buch „Opera Aperta – Das offene Kunstwerk“ 1962 für das Unabgeschlossene, Prozesshafte einer Kunst, die erst im Auge des Betrachters fertig wird. Im selben Jahr lässt die Londoner Op-Art-Künstlerin Bridget Riley in „Blaze“ ihre schwarz-weiße Spirale kreisen, in „Cataract“ Wellenlinien strömen – zeichnerische Formen mit dem Potential optischer Illusion wie bei Victor Vasarelys „Zebras“ als Vorläufer aus den 1930er Jahren. Die Ausstellung im Kunstmuseum wirft auch einen Blick zurück bis in die Zeit der Renaissance und des Barock: Piranesis „Gothic Arc“ (1761) entwirft ein kafkaeskes Albtraumgewölbe der „Carceri d’invezione“, der italienische Manierist Parmigiano fertigt 1523 ein Selbstporträt im Konvexspiegel, das nun zwischen Riley und François Morellets „Grillages“ als 3D-Faksimile des Originals aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum (auch eine Täuschung!) mit stechenden Augen und Nase hängt.

Manierismus als Darstellung heftiger Effekte und paradoxer Illusionen in der konkreten Kunst des 20. Jahrhunderts äußert sich in der Op Art in vibrierenden geometrischen Mustern, optischen Kippeffekten oder verzerrten Rastern. Hinzu kommt bei vielen installativen Objekten und Rauminstallationen die Wirkung des Lichts. Auratisch sind Julio Le Parcs Spiegelungen eines hängenden Objekts auf der halbrunden Wand („Lumière en Mouvement“), ihr Spiel mit der räumlichen Illusion treiben Gabriele Devecchis „Ambiente“ – ein weißer Kubus mit beweglichen Lichtschienen - oder Aleksandar Smecs „Luminoplastika“-Relief . In dem „Laserraum“ von Adolf Luther, einer die Blackbox mit roten Linien kreuz und quer  durchdringenden Installation, muss man sich erst einmal zurechtfinden, und aus dem begehbaren Mini-Labyrinth von Giovanni Anceschis „Raum mit Lichtschocks“ kommt man nicht ohne Vertigo=Schwindel  wieder heraus.

Einer der Hauptvertreter der Op Art war der Mailänder Künstler Gianni Colombo. Bei der 1967er Biennale in Venedig erhielt er für seinen „Spazio elastico“ den Großen Preis, im Hauptraum des Kubus wird nun eine exakte Rekonstruktion der vierteiligen kinetischen Installation gezeigt. Man betritt das totale Schwarz des ersten der vier Environments und begegnet einem momentan aufflackernden Lichtkreis und Quadrat, kommt in sich drehende Gitterstrukturen, findet sich in einem filigranen  Netz von ultraviolettem Licht angestrahlten Nylonfäden und kommt zum Schluss in einen Ruhe ausstrahlenden Kubus mit rot/blau wechselndem Licht, auf dessen Wänden die Fäden in geometrischen Mustern angeordnet sind. Die Ausstellung umfasst etwa 100 Bilder, Reliefs, kinetische Objekte und Installationen sowie computergenerierte Kunst. In einem „Mitmach-Labor“ können Besucher unter Anleitung von Mitarbeitern des Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart optische Experimente durchführen, im Begleitprogramm der Ausstellung gibt es Vorträge. Workshops und ein „Vertigo-Theater“ auf der Basis des Drehbuchs des Hitchcock-Films.

Info: Die Ausstellung „Vertigo – Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520-1970“ wird bis zum 19. April 2020 im Kunstmuseum gezeigt.

 

Faszination einer indigenen Kultur


„Azteken“ als Große Landesausstellung im Lindenmuseum


500 Jahre nach der Eroberung des Reiches der Mexica durch die Spanier zeigt das Lindenmuseum für Völkerkunde die großartige Ausstellung „Azteken“ in Kooperation mit dem Nationalmuseum für Weltkulturen in den Niederlanden und dem Institut für Anthropologie und Geschichte in Mexico. Die 150 hochkarätigen Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen sind auf höchst anschauliche und spannende Weise präsentiert, aus der Sammlung des Lindenmuseums stammen die Grünsteinskulptur des Schöpfergottes Quetzalcoatl und zwei ornamentale Federschilde aus dem 15. und  16. Jahrhundert.  Der Rundgang durch die audiovisuell belebten Ausstellungsräume vermittelt einen vielfältigen Eindruck der Kultur und Gesellschaft dieses Volkes, dessen Hauptstadt Tenochtitlan im Jahr 1519 am Ende der Regierungszeit Moctezumas II. circa 150.000 Bewohner hatte.

„Um von der Größe, den seltsamen und wunderbaren Dingen dieser großen Stadt und von den Riten und Bräuchen Rechenschaft abzulegen“, schrieb der Eroberer Hernán Cortéz an Kaiser Karl V., könne man dies kaum mit dem Verstand erfassen. Die Metropole auf der Insel im Texcoco-See, geometrisch angelegt und mit dem heiligen Tempelbezirk in der Mitte, muss den Spaniern wie ein sagenhaftes Atlantis erschienen sein. Deren Eroberung gelang nur mit Hilfe umliegender Stadtstaaten, die den „Azteken“ tributpflichtig waren. Der Name wurde erst Jahrhunderte später von den Europäern hergeleitet vom mythischen Ursprungsort Aztlan, die indigenen Bewohner selbst nannten sich „Mexica“. Zur Einstimmung steht der Besucher vor einem wandhohen Videoscreen, auf dem Bilder vom heutigen Mexico-City wechseln mit zeitgenössischen Darstellungen. In einem Codex aus der frühen Kolonialzeit ist in Bilderhandschrift die Eroberung des aztekischen Imperiums dokumentiert.

Der Schöpfungsmythos mit dem männlich-weiblichen Ursprungsgötterpaar, von dem die vielen anderen Götter, alle Lebewesen und das Universum erschaffen wurden, wird anhand einer 3-D-Replik des dreieinhalb Meter Durchmesser umfassenden Sonnensteins als virtuelle Geschichte erzählt. Aus dem Geburtsort von Sonne und Mond Teotihuacan stammt die zwischen 250 und 750 n.Chr. entstandene Grünsteinfigur mit Kalenderzeichen, welche den Tag der Geburt des Schutzgottes Huitzilopochtli symbolisieren. Aus vulkanischem Tuffgestein ist der Sonnengott Tonatiuh gebildet, ein steinernes Rohrbündel markiert die Zeremonie der Schilfrohre, die alle  52 Jahre, wenn der Ritualkalender (260 Tage) und der Sonnenkalender (360 Tage) zusammentrafen, verbrannt wurden. Reliefplatten zeigen den Wassergott Tlaloc und die Quellgöttin Chalchiuhtlicue – beide lebenswichtig für die Bevölkerung, die für die Fruchtbarkeit und Erhaltung der Lebensgrundlagen verehrt und denen zum Schutz gegen Überschwemmungen und Dürren geopfert wurde.

Etwa 50 Stadtstaaten konkurrierten politisch und ökonomisch im dicht besiedelten Hochtal von Mexico. Von der hoch entwickelten Gesellschaft und Alltagskultur der Azteken im 15. Jahrhundert erzählen viele der Keramikfiguren, Gebrauchs- und Schmuckgegenstände der Ausstellung. In den Hauptstädten scharte sich die Elite um einen Tempel, Palast und Markplatz, die Bewohner waren in Familiengruppen (calpulli) organisiert, unter den Handwerkern hatten die Steinmetzen einen besonderen Rang vor den Goldschmieden, Mosaikkünstlern, Bildhauern und Federkünstlern. Goldschmuck wie Lippen- und Ohrenpflöcke, Halsketten und Armbänder zu tragen war ein Privileg der Adligen. Schmuckstücke in Form eines Herzens wurden aus Gold und Jade als Opfergaben hergestellt. Obsidianklingen zeugen von der kriegerischen Tradition der Azteken. Ein aus dem Berg gehauener, steinerner Adlerkopf symbolisiert die aufgehende Sonne, eine Vogelkopfmaske mit Türkismosaiken könnte zum Kostüm eines Priesters des Windgotts Ehecatl gehört haben. Erstmals gezeigt werden auch Funde von jüngsten Ausgrabungen aus dem Templo Mayor des archäologischen Felds im Zentrum von Mexico City.

 

 Über die vielgestaltigen Facetten des Humors


„Lachen. Kabarett“ als Sonderausstellung im Literaturmuseum der Moderne


„Wer lacht hier, hat gelacht? / Hier hat sich’s ausgelacht. / Wer hier lacht, macht Verdacht, / dass er aus Gründen lacht.“ Das „Kinderlied“ von Günter Grass thematisiert das Lachen unter einem Aspekt, der auch in der neuen Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne eine wichtige Rolle spielt. Lachen ist nicht per se Amüsement und schon gar nicht vorwiegend schenkelklopfende Belustigung. In Krisenzeiten wird viel gelacht, auch im politischen Kabarett, und der Witz hat besonders in totalitären System Konjunktur. All das ist Teil der von Heike Gfrereis, Anna Kinder und Sandra Richter kuratierten Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs, die morgen eröffnet wird und bis zum 15. September dauert. Und noch viel mehr: Mit „Lachen. Kabarett“ unternimmt das erste Projekt eines Fünfjahreszyklus unter dem Titel „#LiteraturBewegt“ den Versuch, alle möglichen Spielarten des Komischen auf spielerisch-originelle Art zu präsentieren. Mitarbeiter des DLA und befreundeter Archive haben eine Fülle von Material gesammelt, welches in sechs Räumen des LiMo in 15 „Stationen‘“ interaktiv präsentiert wird. Das Mitmachen der Besucher ist ein ganz wesentlicher Impuls dieser Ausstellung.

Das beginnt mit der „Lachbox“, wo sich jeder Besucher sein eigenes Foto mit zugehörigem Witz aus dem Archiv zum Mitnehmen ausdrucken kann und führt, eine Treppe tiefer, in den ersten Spielraum, wo auf runden weißen Tischplatten ein Memory der zahllosen Lach-Arten ausgelegt ist, vom Lächeln, Grinsen, Frotzeln, Greinen und Kichern bis zum Quietschen, Kugeln, Brüllen und so weiter. Auf der Rückseite der Karten illustriert jeweils ein Foto den Lachtyp, es darf gedreht und gewendet werden. „loch so loch doch“ fordert eine kreisrunde Projektion im größten Ausstellungsraum den Betrachter auf – es ist einer von neun Overhead-Projektoren, die auf langen weißen Tischen installiert sind, der den Jandl-Vers an die Wand wirft, daneben liegt jeweils ein Schuber mit weiteren, mit Erläuterungen versehenen Folien, die vom Publikum aufgelegt und ausgetauscht werden können, so dass dieser Raum zum lebendigen Wechselarchiv wird. Verstreut auf den Tischen weisen kleine Handzettel auf die Fülle des Materials hin, das hier vom Besucher via Projektion entdeckt werden kann.


Von Schillers Handzeichnung mit Kopfstand auf schräger Ebene über Klecksbilder von Justinus Kerner und Smilies von Mörike geht es zu Morgensterns Hufeisengedichtsammlung mit grinsendem Totenkopf und Henkersbeil, „Überbrettl“-Karikaturen aus dem Simplizissimus, einem Programmheft der „Elf Scharfrichter“ als erstem politischen Kabarett um 1900 in Deutschland, Tucholskys „Zippi“, Hesses  Notizen zum „Steppenwolf“, dessen Harry Haller im magischen Theater das Lachen lernt, zur „Großen Hure Baylon“ in Döblins „Berlin Alexanderplatz“, zu Marlene Dietrich und dem „Blauen Engel“, Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, Flüsterwitzen während der Nazizeit , Brechts Selbstverteidigung 1947 vor dem McCarthy-Untersuchungsausschuss wegen unamerikanischer Umtriebe, einer Seite aus Robert Gernhardts Brunnenheften, und und und. 250 Folien sind vom Literaturarchiv-Team vorbereitet, das Ausstellungskonzept ist auch noch für Ergänzungen offen.


Erich Kästner hat einmal geurteilt: „Die deutsche Literatur ist einäugig. Das lachende Auge fehlt.“ Sein eigenes Werk gilt dafür das Gegenbeispiel, er selbst ist gleich am Eingang neben der Fotostation mit einem Witz zitiert: „Ein Lehrer gibt das Thema zu einem Klassenaufsatz: Hätte sich Werther auch im Dritten Reich erschossen? Der kleine Fritz gibt schon nach fünf Minuten sein Heft ab. Was hat er geschrieben: Nein, aber Goethe!“ Wann lacht das Publikum? Wann lacht der Autor selber? Anhand von Kabarett-Aufnahmen haben sich die Ausstellungsmacher diese Fragen gestellt, in Kassettenrekordern kann man dazu Beispiele aus Live-Kabaretts anhören. In Filmszenen von Billy Wilder bis Heinz Erhardt, die wiederum auf weiße Tischflächen projiziert werden und denen man mit Hilfe von Pappbechern am Ohr akustisch folgen kann, wird Lachen provoziert. Und im Ausschnitt einer Podiumsdiskussion mit Kunsttheoretikern fragt Joseph Beuys: „Warum sollen wir denn nicht mehr lachen? Wollen Sie das Lachen ausmerzen? Wollen Sie die Belustigung ausmerzen? Wollen Sie denn eine Revolution ohne Lachen machen?“

 

In dieser „Improvisationsausstellung“ findet der Besucher Material zuhauf, ein Marbacher Magazin dazu ist im Entstehen, soll sich aber erst fortschreiben bis zum Ende im September. Es gibt eine Reihe von Begleitveranstaltungen, so zum Beispiel zweimal „Musikalisches Lachkabinett“ mit Kabarettszenen und Brettl-Liedern, oder ein „Kinder-Lachlabor“ als Sommerferien-Workshop Ende Juli. „Wild denken“ im Sinne von Hegel, kreuz und quer denken hatten sich die Ausstellungsmacherinnen vorgenommen. Eine lebendige, zum Mitmachen und Entdeckungen machen anregende Schau ohne sperrigen Überbau ist dabei herausgekommen.


(Ludwigsburger Kreiszeitung 17. Mai 2019)

Eine Kulturgeschichte mit Klinge und Knauf

 

Das Württembergische Landesmuseum zeigt „Faszination Schwert“ im Alten Schloss

 

Tödliche Waffe, Zeichen der Gewalt, Symbol der Macht und der Gerechtigkeit, Kult- und Prestigeobjekt: Das Schwert spielt seit jeher im Leben der Völker eine vielseitige Rolle. Mit seiner Sonderausstellung „Faszination Schwert“ zeigt das Württembergische Landesmuseum dessen Geschichte von den Anfängen im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bis zu seiner heutigen Verwendung in Filmserien und Computerspielen. In einer multimedialen, sehr anregenden und abwechslungsreichen Schau präsentiert das Museum im Alten Schloss über 300 Objekte in neun thematisch gegliederten Räumen.

 

In Mitteleuropa verbreitet sich das Schwert während der Bronzezeit mit der Technik des Flüssiggusses, in der Eisenzeit als Schmiedeschwert. In einer Vitrine im Eingangsbereich wird als seltener Fund eine Gussform aus Neckargartach bei Heilbronn präsentiert, ein Ausschnitt aus dem „Nibelungen“-Stummfilm von Fritz Lang zeigt Siegfried beim Schmieden seines Schwerts Nothung. Aus seinem Eigenbestand von über 1500 Exemplaren und mit Leihgaben zeigt das Landesmuseum, wie sich aus Vollgriffdolchen Hieb- und Stoßwaffen entwickeln, zum Beispiel das römische „Gladius“-Kurzschwert oder der „Gassenhauer“, ein Hiebschwert aus dem späten Mittelalter. In einem auf Wandhöhe vergrößerten, bebilderten Traktat von 1520 heißt es: „Mit den Schlachtschwertern halten wir drauff / Do wurde geschlagen unser hauff / Und die feinde wollten uns beschemen / Einprechen und das fenlein nehmen / Erst hauwen wir mit freuden drein / Das fenlein wird beschutzen sein.“

 

Als Statussymbol wird Graf Eberhard im Bart 1495 von König Maximilian I. auf dem Reichstag zu Worms ein kostbares Schwert zum Zeichen seiner Herzogwürde überreicht – auch dieses Objekt ist im Landesmuseum ausgestellt, und wenn man im Hof des Alten Schlosses das Reiterdenkmal des württembergischen Herrschers betrachtet, weist auch das in der erhobenen Hand geschwungene Schwert auf dessen symbolische Bedeutung. In dem mit der Fototapete einer englischen Königskapelle geschmückten Nebenraum kann sich der Besucher interaktiv zum Ritter schlagen lassen.

 

Religion, Magie und Mythologie sind Themen, die im nächsten Ausstellungskapitel abgehandelt werden, unter anderem der Mithras-Kult oder Funde von Schwertern, die als Opfergabe in Gewässern als Übergang zu einer Anderwelt niedergelegt wurden. Ganze Heeresausrüstungen besiegter Gegner wurden im heutigen Dänemark in Seen deponiert. An die Artus-Sage, Merlin den Zauberer und das Schwert Excalibur erinnern Abbildungen, bei den gezeigten Schwertern deuten Spiralknaufe und andere astrale Symbole auf den Bezug zu Kult und Religion. Auch christliche Heiligenfiguren werden mit dem Schwert in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel eine Statue des Erzengels Michael  oder das Flammenschwert als himmlische Waffe. Im Gegensatz zu solchen jenseitigen Sphären steht die Dokumentation von Kampfverletzungen: ein gespaltener Schädel, oder eine illuminierte Handschrift aus dem Codex Manesse, in der ein Ritter dem andern den Kopf im Helm abschlägt.

 

Als Teil nationaler und völkischer Propaganda erscheint das Schwert, nachdem es als Waffe der Krieger ausgedient hat, im 19. Jahrhundert in monumentalen Denkmälern Bismarcks oder des Cheruskerfürsten Arminius im Teutoburger Wald. Hitler ist als „Schmied des deutschen Volkes“ verewigt, eine andere Abbildung zeigt die Bronzeskulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ des sowjetischen Künstlers Jewgeni Wutschetisch vor dem UNO-Gebäude in New York. Dass Schwerter nicht nur Männersache sind, wird in einem Raum mit „Helden und Heldinnen“ demonstriert, in dem gegenüber einer antiken Trinkschale mit Theseus und dem Minotaurus und Siegfried dem Drachentöter auch Figuren wie Judith mit dem Haupt des Holofernes, die Rächerin Brünhild oder Jeanne d’Arc als Retterin zugegen sind. Von Robin Hood bis zu Harry Potter, von den Yedi-Rittern bis zum „Game of Thrones“ reicht schließlich die in Plakaten, Repliken und Video-Szenen dokumentierte Welt der Popkultur, in der Schwerter, ob aus Stahl oder mit Laserkraft, eine Rolle spielen.

 

(Ludwigsburger Kreiszeitung 16. Oktober 2018)

 

 

 

Vom Außer-sich-Sein

Kunstmuseum Stuttgart zeigt „Ekstase“ im Kubus am Schlossplatz

 

André Massons surreal-abstrakte Bronzeskulptur mit dem auch für die Stuttgarter Ausstellung titelgebenden Begriff „Ekstase“ ist eines der hochkarätigen Objekte, die im Kubus des Kunstmuseums eine reichhaltige und beziehungsvolle Entwicklungsgeschichte dieses Ausnahmezustands künstlerisch abbilden. Vom antiken Dionysoskult, der noch bis in die Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts thematisiert wird, bis zur drogeninduzierten Bewusstseinserweiterung kreativer Prozesse in der Gegenwartskunst geht die Schau, die das Thema mit rund 230 Werken von über 70 Künstlern von der Renaissance bis zur Moderne aufblättert.

 

Ob Bacchanal in der Hochrenaissance, „Schlafende Bacchantin“ als lustvoll hingestreckter weiblicher  Akt oder Franz von Stucks „Bacchantenzug“: die Riten der von Raserei ergriffenen Mänaden beflügeln die Phantasie der Maler und Betrachter. Eine ganz andere Art von Außer-sich-Sein spiegelt sich in Berninis Kopfstudie zur Skulptur der Hl. Theresa von 1646, die im Kunstmuseum im Raum der „Religiösen Ekstasen“ hinter einem Vorhang gezeigt wird. Die verzückt nach oben gerichteten Augen einer jungen Frau in Jean Benners „L’Extase“ (1896) oder in Charles LeBruns Kreidezeichnung „Le Ravissement“ sind eindeutige Zeichen. Ein eigener Raum der Ausstellung ist dem afrobrasilianischen  Candomblé gewidmet, mit Installationen des Brasilianers Ayrson Heráclito, selbst auch Priester dieses Kults. In die Welt der Schamanen als weiterer spiritueller Praxis führen die 50 Prints des litauischen Fotografen Algirdas Seskus, während Marina Abramovics Video „Freeing the Body“ die tänzerische Wildheit eines nackten Frauenkörpers dokumentiert. Pablo Amaringos Aquarelle versetzen dagegen rituelle Zeremonien mit den Mitteln naiv dekorativer Malerei in die surreale Szenerie des brasilianischen Regenwalds.

 

Dan Grahams Videoinstallation „Rock My Religion“ und Mark Leckeys „Fiorucci Made Me Hardcore“ reflektieren die Jugendkultur der Hippies und ihrer Nachfolgegenerationen, eine raumhohe Fotografie der 25000 Fans der „Gelben Wand“ im Dortmunder Fußballstadion verweist auf die ekstatischen Massenphänomene des Sports. Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Ferdinand Hodler zeigen die entgrenzende Wirkung des Tanzes, inspiriert von  Ausdruckstänzerinnen wie Isadora Duncan, Mary Wigman oder Gret Palucca. Das Ganzkörperporträt Anita Berbers von Otto Dix, eines der Schmuckstücke aus dem eigenen Museumsbestand, darf hier natürlich nicht fehlen. Madam d’Ora hat die Tänzerin 1922 in dem Stück „Cocain“ fotografisch festgehalten. Drogen, Rausch und Liebesekstasen sind weitere Aspekte, die in teils provokativen, teils poetisch verschlüsselten Fotoserien, Grafiken und Videostills präsentiert werden. Mit der frei im Raum schwebenden Goldbronze-Skulptur „Arch of Hysteria“ von Louise Bourgeois hat die Ausstellung einen exzentrisch vieldeutigen Höhepunkt, bevor der Betrachter auf der dritten Ebene des Kubus ins „Dream House“ von La Monte Young und Marian Zazeela eintaucht: eine Klang- und Lichtinstallation von magischer Wirkung.

 

(Ludwigsburger Kreiszeitung 29. September 2018)