Konzert

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Wunderland mit Sensenmann


Cornelius Meister eröffnet die Staatsorchester-Saison mit Mozart, Berg und Mahler


Die erste Sinfonie des achtjährigen Wolfgang Amadé, beim mehrmonatigen Aufenthalt in London auf Konzertreise Leopold Mozarts mit seinen Kindern quer durch Europa komponiert, ist ein glänzendes Beispiel für das Wunderkind-Image des späteren Fixsterns der Wiener Klassik. Wie er die dreisätzigen sinfonischen Muster Haydns und Johann Christian Bachs, der ihn in London unterrichtete,  hier einsetzt und verarbeitet, wie er Stürmisches und Inniges in den Themen des Allegro kontrastiert, wie er im Presto-Finale Rondo tanzen lässt und im Andante ein Vierton-Motiv erfindet, das fünfundzwanzig Jahre später das Finale der „Jupiter“-Sinfonie beherrscht: einfach unglaublich! Mit spürbarer Lust setzten das Staatsorchester Stuttgart und sein Generalmusikdirektor Cornelius Meister diesen Auftakt an den Beginn ihrer neuen Konzertsaison.

„Weites Wunderland ist aufgetan“ singt die Sopranistin im ersten der „Sieben frühen Lieder“ von Alban Berg, Diese haben eine besondere Geschichte, denn von seinen über 80 Liedkompositionen, die meisten noch in spätromantischer Tonsprache, veröffentlichte Berg zwei Jahrzehnte später erst 1928 den siebenteiligen Zyklus - nun expressionistisch mit einem geschärften Sinn für Klangfarben und am Rande der Atonalität. Nacht, Traum, Einsamkeit, Liebe, Vergänglichkeit sind die Themen der Gedichte, deren lyrische Intensität der Gesangslinien mit äußerst differenzierten Orchesterstimmen kombiniert wird. Simone Schneider als Solistin und ein von Cornelius Meister auf farbigste Nuancen gepoltes Orchester machten diese poetisch-musikalischen Stimmungsbilder zum subtilen Erlebnis.


Wunderwelten bringt auch Gustav Mahlers 4. Sinfonie zum Erklingen: so wie sie von Cornelius Meister interpretiert wird, ist sie zu allererst ein Ausdruck der Sehnsucht nach kosmischer und innerweltlicher Harmonie. Zwar klingt das an eine Schlittenfahrt in der Bergeinsamkeit erinnernde Schellengeläut des Anfangs im „sehr behaglichen“ Finalsatz mit dem Lied „Der Himmel hängt voll Geigen“ aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ plötzlich grell in den Ohren, doch Simone Schneiders leuchtender, im zarten Piano wie im voluminösen Forte klar fokussierter Sopran hüllt die „himmlischen Freuden“ – auch beim Schlachten von Lamm und Ochsen – in wonnige Heiterkeit. Dass beim Abdruck des Textes im Programmheft Cäcilia als Schutzheilige der Musik und die Schlussstrophe – „Kein‘ Musik ist ja auf Erden, / Die uns’rer verglichen kann werden“ – einfach unterschlagen werden, ist ärgerlich.


Mahlers doppeldeutige Ironie in seiner 4. Sinfonie, mit der Walzer, Ländler, Volkston und Wiener Heurigenseligkeit vielfältig zitiert werden, schlägt an zwei Stellen ins Groteske und Unheimliche um: wenn er den Konzertmeister im 2. Satz auf seiner skordierten, also um einen Ganzton verstimmten Geige wie einen Sensenmann fiedeln lässt, und im „ruhevollen“ Adagio die Folklore-Themen auf einmal wie durch einen Teilchenbeschleuniger gezwungen werden. Doch sofort verströmt sich die Musik wieder in feinsten, farbigsten Harmonien, auch der mit größtem Paukengedonner inszenierte Tutti-Jauchzer am Ende dieses Satzes wirkt unhinterfragt euphorisch. So zelebriert Cornelius Meister diesen Mahler doch mit einer Spur allzu idyllischer Nostalgie.