Theater

Umnachtet von der Gewalt der Emotionen

David Bösch inszeniert Schillers „Don Carlos“ im Schauspiel Stuttgart

 

 „Liebe Freiheit“ lautet das Motto der Saison im Schauspiel der Staatstheater, und kein anderes Stück von Friedrich Schiller leuchtet diese Polarität wortgewaltiger aus als sein Drama „Don Carlos“. Mit einem hervorragenden Ensemble hat der Regisseur David Bösch das „dramatische Gedicht“ des 28jährigen, 1787 uraufgeführt, nun im Stuttgarter Schauspiel neu inszeniert, das Premierenpublikum war stark beeindruckt. Bösch reduziert das Figurenarsenal von 17 auf 7 Personen, zentral sind in dieser Aufführung die dialogischen Konfrontationen der Protagonisten. Auch die Bühne, die vom Regisseur zusammen mit Falko Herold entworfen wurde, ist auf das Notwendigste konzentriert: ein paar umgeworfene Stühle, ein Schreibtisch der Macht, das kalte Licht der Neonröhren über der undurchdringlichen Schwärze des Hintergrunds. Nur in wenigen Momenten tauchen Carlos und Elisabeth in warme Dämmerung, selbst die Szenen mit Posa, dem Freund von Carlos aus Jugendtagen und glühenden Freiheitsaktivisten, spielen in der Kälte des totalitären Systems des Königs Philipp II. von Spanien.

 

Finster ist es auch im Gemüt des spanischen Infanten. Kraftlos schlurft Felix Strobel als Don Carlos zu Beginn auf die Bühne, fühlt sich von Spitzeln wie Domingo, dem Beichtvater des Königs, umstellt, leidet an der unglücklichen Liebe zu seiner Stiefmutter Elisabeth, mit der er schon verlobt war, bevor die französische Prinzessin aus Staatsraison von seinem Vater Philipp geheiratet wurde. Da erscheint Posa, voller Pläne zur Befreiung Flanderns vom spanischen Joch, appelliert an die gemeinsamen Menschheitsträume ihrer Jugend, doch Carlos redet von seiner „düsteren Schwermuth“ und hoffnungslosen Leidenschaft. Höchst spannend inszeniert Bösch die gegensätzlichen Körpersprachen von Strobel und David Müller, der seinen Marquis Posa als kühlen Strategen spielt, der den Prinzen zur Rebellion aufmuntern will. Während dieser, wie Schiller in den im Programmheft abgedruckten Briefen zu „Don Carlos“ schreibt, „hinbrütend in sich selbst“ agiert. Diametral gegensätzlich verläuft Carlos‘ Begegnung mit Elisabeth: Wie tollende Kinder erleben sie sich in einer pantomimischen Traumsequenz, die eindrucksvolle Frida-Lovisa Hamann wirft sich Strobel huckepack auf den Rücken, die beiden tanzen und umarmen sich – doch die Realität ist eine andere. Mit dem Lichtwechsel wird Hamann zur pflichtbewussten Königin, die Carlos zum Freiheitskampf in den Niederlanden umpolen will. Liebe als politische Aktion statt individueller Leidenschaft. 

 

Schlag auf Schlag folgen die von Schiller bühnenwirksam gedichteten und von David Bösch sorgfältig choreografierten Szenen bis zur Pause aufeinander: Elisabeth und der eifersüchtig misstrauische Philipp, der seine Frau als Besitz und privates Glück empfindet, dann Matthias Leja als eisig distanzierter König und unerbittlicher Vater, der seinen Sohn als „Memme“ abqualifiziert und sich einen Menschen – „Gib mir den seltenen Mann / Mit reinem, offenem Herzen, / Mit  hellem Geist und unbefangenen Augen“ – wünscht in seiner Einsamkeit. Auftritt Marquis Posa: in diesem berühmten, mit Posas „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ kulminierenden Diskurs zwischen totalitärer Macht und aufklärerischer Vernunft begegnen sich zwei Kontrahenten auf Augenhöhe. Auch darstellerisch ist die Szene einer der Höhepunkte der Aufführung. Ganz andere Register zieht Bösch für die sit-komische Szene mit Carlos und Eboli: die Hofdame Elisabeths, von Katharina Hauter als flippige Kontrastfigur angelegt, bestellt Carlos zum Couch-Rendezvous, doch dieser erwartet Elisabeth. Briefe, irrtümlich gedeutet oder zu Intrigen eingesetzt, sind ein von Schiller häufig eingesetztes dramaturgisches Mittel, welches in Böschs Inszenierung ins Surreale gesteigert wird. Dagegen ist der Sprechduktus der Schauspieler außerordentlich natürlich, Schillers Blankvers verwandelt sich zur gegenwartsnahen Sprachmelodie.

 

In der zweiten Hälfte der dreistündigen Aufführung bemerkt man gelegentlich den klappernden Mechanismus der Schillerschen Dramaturgie, doch die schauspielerische Qualität der Inszenierung hält die Spannung wirkungsvoll aufrecht. Herzog Alba (Michael Stiller) und Domingo (Reinhard Mahlberg) sind willfährige Handlanger und zugleich zwielichtige Aktionäre des Systems, das am Ende mit der per Lautsprecher und Kreuz-Projektion eingespielten Figur des Großinquisitors die Freiheitspläne von Posa, Carlos und Elisabet vernichtet. In der Figur des Freundschaft und Liebe zum Zweck der politischen Aktion verratenden Marquis bündeln sich die Leidenschaften: David Müllers Posa wirkt in seinen letzten Szenen wie ein Terrorist der Revolution, ohnmächtig gegen die finstere Gewalt des Systems.

 

16. Januar 2023

 

 

 

Aufstieg der Küchenbrigade

Anne Leppers „Life Can Be So Nice” im Kammertheater uraufgeführt

 

Nicki hat das große Los gezogen, es lebt sich blendend mit der Millionärswitwe im Grand Hotel. Doch die hat langsam genug von dem langweiligen Lover, der mit Armani und Versace verheiratet ist. Money ist das Zauberwort, aber die Diva in voluminöser Robe entschwebt im neonleuchtenden Turmlift nach oben und lässt den mit seinem Lichtschwert fuchtelnden Möchtegern-Ritter im schnöden Diesseits zurück. „Look at my hopes! Look at my dreams!“ schmachtet der zu den Klängen des Live-Musikers Joe Masi, doch auch die Choristinnen im Glitzerfummel haben sich verkrümelt.  Stattdessen kriechen vier weiße Clowns unter den Podesten hervor: es ist die Küchenbrigade.

 

Die Theaterautorin Anne Lepper wurde 2012 als „Nachwuchsdramatikerin des Jahres“ ausgezeichnet, ihr Debüt-Stück „Sonst alles ist drinnen“ wurde von Jessica Glause an den Münchner Kammerspielen inszeniert, die auch bei der jetzigen Uraufführung von „Life Can Be So Nice“ im Stuttgarter Kammertheater wieder Regie führt. In ihrem neuen Stück geht es um das soziale Oben und Unten, um Gier und Geld und die Mechanismen unseres kapitalistischen Systems. Doch statt Brechtscher Sozialkritik setzt Anne Lepper auf satirische Entblößung, und wie der Titel schon andeutet, geschieht das mit Hilfe einer Collage von Popsong-Zitaten. Neben Prince werden Hit-Liners wie „No Money, No Love” oder “Never feel closer to heaven” in die Dialoge gemixt, auch die acht Spielerinnen des Frauenchors plappern und rappen was das Zeug hält. Der ständige Wechsel zwischen Deutsch und Englisch wirkt gekünstelt, anscheinend sind die Slogans in der Globalisierungs-Sprache systemkritisch kompatibler.

 

Wenn Mary (Christiane Roßbach) in ihr Loft – „It’s a Wonderful World, Sweet Paradise”- entschwunden ist, dirigieren die Vier von der Küchenbrigade die Szene. Sebastian Röhrle ist ihr wortgewaltiger Anführer, er klärt Nicki (Jannik Mühlenweg) erst mal auf, wie es zwischen Schnitzel und Paniermehl dort drunten zugeht. Der glaubt unverdrossen an den Aufstieg, getreu dem Van-Halen-Song „I get up and nothing gets me down“, doch zwischenzeitig wird er von dem Downstairs-Quartett mit Röhrle, Raabe, Rongen und Richter liebesmäßig umgepolt. „I wanna be where the boys are“ seufzt Nicki selig und wirft sich in die Arme des Küchenchefs, der freilich nicht an die Liebe aber an den Mammon glaubt. Statt Nickis Paniermehl-umnebeltem Liebestraum drängt Dirk auf die Wiederkehr der Millionärswitwe. „Habe nun, ach, die Armut studiert“, radebrecht Nicki à la Goethes Faust, und im Verbund mit der Röhrle-Gang mutieren die Fünf zum neuen Mary-Chor. Die Monetenkönigin verlangt dafür totale Unterwerfung: „Money Makes the World Go Round”. Und für wen das Leben so nett sein kann, bestimmen auch weiter die da oben.

 

Jessica Glauses Regie hält Anne Leppers Trash-Revue mit kapitalismuskritischem Hintergrund einigermaßen am Laufen, doch dem „bösen Popmärchen über Arm und Reich“ (Schauspiel-Ankündigung) fehlt es an inhaltlicher und sprachlicher Stringenz. Der Beifall im gut besuchten Kammertheater war freundlich.

 

9, Januar 2023

Komödiantisches Theater der Grausamkeit

Amélie Niedermeyer inszeniert Werner Schwabs „Präsidentinnen“ im Stuttgarter Schauspielhaus

 

Hoch oben an der braunen Lamellenwand hängen Fotos von Päpsten und dem Bundespräsidenten, der Hocker und das traumblaue Sofa sind überlebensgroß, und wenn sich eine der drei vom Leben gebeutelten Frauen da hinaufschwingen will, braucht es mehrfache Anläufe. Über ihren Köpfen, meist von einem zugezogenen Vorhang verborgen, ist auch ein riesiges graues Fenster, durch das man in einen Betonschacht blickt. Die „kleinstbürgerliche Wohnküche“, die der Bühnenbildner Christian Schmidt für Amélie Niemeyer ausstaffiert hat, ist in ihrer erdrückenden Gemütlichkeit schon grauenhaft; was darin über eineinhalb Stunden allein in der Sprache vor sich geht, hat absurde bis albtraumhafte Züge. Und doch bringt Niemeyers Inszenierung das „Fäkaliendrama“ – wie der Autor Werner Schwab sein 1989 geschriebenes Stück genannt hat – mit seinen irrwitzigen Suaden großartig komödiantisch und treffsicher auf die Bühne.

 

Schwabs „Präsidentinnen“, die drei bigotten Pensionistinnen in ihrem Alltagsmief und ihren Allmachtsfantasien, sind im Stuttgarter Schauspiel glänzend besetzt. Anke Schubert im schwarzen Kleid mit Spitzenärmeln spiegelt sich in ihrem Sparzwang auch im Sohn Herrmann, der „absichtlich nie einen Verkehr“ hat, „weil so ein Verkehr kann ja eine richtige Schwangerschaft einleiten“, aber träumt vom Fleischer Wottila, dem schon einmal die Jungfrau Maria erschienen ist. Bei Christiane Roßbachs bunt gemusterter Grete in struppiger blonder Perücke „gibt es immer nur einen Sex und einen Scheißhaufen beim Reden“, aber sie, die sich statt ihrer vernachlässigten Tochter, die nach Australien abgehauen ist, einen Dackel angeschafft hat, glaubt an die Vorsehung: „Wenn die dann einmal fertig ist, dann tut einem das Leben gar nicht mehr so weh.“ Nächstenliebe praktiziert Celina Rongens Mariedl als Kloreinigerin beim Pfarrer und anderen Herrschaften, und was sie da alles aus den verstopften Aborts ans Tageslicht befördert, preist sie wie Wundertaten: „Wenn der Herrgott die ganze Welt angeschafft hat, dann hat er auch die menschliche Jauche erschaffen.“

 

Was Werner Schwabs Kunstsprache aus prekärem Milieu, drastischer Gossensprache und großmäuligem Gedöns vor 30 Jahren bürgerlich anstößig gemacht hat, wirkt heute eher wie Volkstheater, doch bei der Monstrosität dieser Proletinnen in ihrem Rausch aus Religiosität, Geilheit und Selbstmitleid bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Was am Anfang in der Drastik, mit der zum Beispiel Mariedl ihre Abort-Rettungsgänge schildert und sie mit Floskeln von Jesus und Maria garniert, trotz aller Kunst des „Schwabischen“ leichte Übelkeit verursachen könnte, steigert sich in den Wunschphantasien dieses Trios infernale, bei dem jede die andere an Einzigartigkeit übertrumpfen will, ins grotesk Bizarre. Szenisch wird das von Niemeyer noch dadurch unterstrichen, dass bei Ernas und Gretes Sauferei die eine Weinflasche um Kühlschrank sich plötzlich in einen ganzen Haufen Flaschen, später in einen Haufen Bierkrüge und schließlich in überquellendes Popcorn verwandelt. Im oberen Fenster erscheinen drei Blasmusikanten zur Begleitung der Heirats- und Sexphantasien, denen Mariedl ihre imaginierte Abort-Himmelfahrt entgegenhält. Wie Celina Rongen diese sprachorgiastische Volte mit Klimmzügen vom Sofa zur Stehlampe zum Fenster spielt und ihre Underdog-Rolle in triumphale Zerstörung der Ernaschen und Greteschen Wunschträume umkehrt, ist bravourös und mörderisch zugleich. Sie lässt Gretes Hannelore und Ernas Herrmann zurückkehren und Tabula rasa machen: in ihrem Wahnsinn bleibt ihnen nur noch übrig, Mariedl umzubringen.

 

23. Oktober 2022

Die Wahrheit muss ans Licht!

Burkhard C. Kosminski inszeniert „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen im Schauspiel Stuttgart

 

Ein Kurbad bringt Wohlstand, Tourismus und rosige Perspektiven in eine norwegische Kleinstadt, bis der Kurarzt Tomas Stockmann herausfindet, dass das heilende Wasser durch Industrieabfälle verseucht ist und aus den Zukunftsträumen wohl nichts werden wird. Doch der Bürgermeister und Vorsitzender der Kurverwaltung, will unter allen Umständen verhindern, dass diese Fakten an die Öffentlichkeit gelangen. Er setzt seinen Bruder unter Druck und schafft es auch, die Bürger des Städtchens mit dem Vorwurf der Fake News und der Warnung vor dem wirtschaftlichen Ruin, den die Schließung und Sanierung des Kurbads zur Folge hätte, auf seine Seite zu bringen. Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama „Ein Volksfeind“ hat der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Burkard C. Kosminski zum Saisonauftakt als Parabelstück selbst inszeniert. Ein Teil des Personals ist gestrichen, Text und Handlung sind verkürzt und zugespitzt, am Ende der eineinhalbstündigen Aufführung sind nicht nur der „Volkswille“ und der Opportunismus der Protagonisten entlarvt, sondern auch der elitäre Führungsanspruch der Hauptfigur.

 

Auf dem vorwiegend leeren, weißen Halbrund vor der kahlen Fenstertapete (Bühne: Florian Etti) genießen die Stockmanns und ihr Hausfreund Hovstad (Klaus Rodewald) ihr Leben als anscheinend freie Bürger bei einem Joint. Küsschen hin und Umarmung her, zum wohligen Jazz aus dem Lautsprecher schwingt Katharina Hauter die Hüften, und Matthias Leja erwartet mit Ungeduld das Gutachten zur Wasserqualität, mit dem er seine Mitbürger aufrütteln will. „Die Wahrheit muss ans Licht!“ frohlockt er, und Redakteur Hovstadt soll sie im „Volksfreund“ veröffentlichen. Der barfüßige Leja spielt diesen Wahrheitssucher mit der übermütigen Lust am Aufbegehren gegen die Autorität und „Unfehlbarkeit der Herrschenden“. Sein Gegenspieler ist der bis in die Haarspitzen korrekte Bürgermeister (Sven Prietz), der seinen Bruder als illoyalen Aufrührer und Unruhestifter beschimpft. Doch Tomas Stockmann sieht sich als Kämpfer für Gerechtigkeit und das Wohl der Menschheit: „In was für einer Welt wollen wir eigentlich leben?“ schleudert er der manipulierbaren Mehrheit entgegen, die ihn, auch unter Mitwirkung von Hovstadt und dem Verleger Aslaksen (Marco Massafra), schließlich zum „Volksfeind“ abstempelt.

 

Kosminskis Inszenierung lässt einiges von Nietzsches Idee des „Übermenschen“ in die Figur Tomas Strotmanns einfließen: Wer wird in dieser Stadt die Autorität der Mehrheit der Dummen und Schwachen entreißen, wie kann diese Lügengesellschaft „desinfiziert“ werden? Narzissistisch steigert sich der Arzt in diese antidemokratische Führerrolle des „Ich! Ich! Ich!“ hinein, und Leja macht das darstellerisch großartig, während seine Gegenspieler als blasse Karikaturen gezeichnet sind. Auch Strotmanns Frau und sein Schwiegervater, der Fabrikbesitzer Morten Kiil (Boris Burgstaller), bleiben psychologisch eindimensional, sodass mit der Text- und Personenkürzung letzten Endes doch zu viel von Ibsens Gesellschaftsdrama verloren geht. Stark jedoch ist die Schlussszene, in der Leja gegen alle Diskriminierungen die Lauterkeit von Strotmanns Haltung gegenüber dem „moralischen Skorbut“ seiner Mitbürger stammelnd verteidigt.

 

26. September 2022

Messer in der Kehle

Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ vielsprachig von Burkhard C. Kosminski inszeniert am Schauspiel Stuttgart

 

Für sein Stück „Vögel“ und dessen deutsche Erstaufführung am Schauspiel Stuttgart hat der libanesische Autor Wajdi Mouawad 2020 den europäischen Dramatikerpreis erhalten. Wie in diesem Drama über Gewalt, individuelle Schicksale und familiäre Konflikte erzählt Mouawad in „Verbrennungen“ von den menschlichen Katastrophen auf dem Hintergrund kriegerischer Auseinandersetzungen, doch das früher entstandene Stück fasst die wie in einer antiken Tragödie sich zuspitzenden Konflikte viel radikaler: Nawal, die Hauptfigur und Mutter dreier Kinder, ist seit langem verstummt: „die Frau, die singt“ schweigt die letzten fünf Jahre bis zu ihrem Tod. In ihrem Testament verpflichtet sie ihre Zwillinge Johanna und Simon dazu, ihren Vater und Bruder zu finden, von deren Existenz sie bisher nichts wissen, und ihnen einen Brief ihrer Mutter zu übergeben. Am Ende des komplex strukturierten Dramas wartet eine ungeheuerliche Wahrheit. 

 

Wieder führt der Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski die Regie, wieder hat Florian Etti ihm eine Bühne aus weißen Stoffbahnen gebaut, auf denen häufig deutsche Übersetzungen eingeblendet werden. Denn im Stück wird je nach Biografie auch Hebräisch, Arabisch und Englisch gesprochen. Die israelisch-weißrussische Schauspielerin Evgenia Dodina spielt Nawal, die als 15jährige von einem Jungen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager schwanger, der ihr Kind nach der Geburt weggenommen wird, während dessen Suche sie in den libanesischen Bürgerkrieg der 1980er Jahre verwickelt wird und das sie als Terrorist und Vergewaltiger wiederfindet. Der Syrer Noah Baraa Meskina ist jener Wahab, mit dem sie ein kurzes Glück in ihrer Jugend erleben darf, die in Haifa geborene Salwa Nakkara ist Nawals Freundin Sawda, mit der sie sich auf die Suche nach Nihad macht. Auch Lilian Barreto, die als Schauspielerin viel an Theatern in Tel Aviv gearbeitet hat, ist in verschiedenen Rollen im Stück präsent. Vor allem die eindrucksvollen Monologe dieser Figuren in ihrer Sprache erfordern vom Zuschauer, der zugleich die Textprojektionen lesen muss, höchste Konzentration, doch zugleich sind sie als stilistisches Element einer antiken Teichoskopie – des Botenberichts über entsetzliches Unheil – von Katharsis-Wirkung. Wajdi Mouawad schreibt zu seinem Stück: „Im Theater begegnet sich das, was verbrennt, und das, was wieder zusammengesetzt wird. Dadurch ist es möglich, dass im Theater die Schauspieler zu Milizionären werden und die Worte, die Sätze, die Entgegnungen zu Kalaschnikows. Es ist mir natürlich klar, dass man Theater, im Gegensatz zu Waffen, nicht auseinandernehmen kann, um es zu reinigen. Vielmehr nimmt Theater uns auseinander, um uns zu reinigen.“

 

Filmschnittartig hat Mouawad sein Drama-Puzzle zusammengesetzt. Johanna (sehr differenziert: Paula Skorupa) und Simon (übertrieben aufbrausend: Elias Krischke) erhalten vom Notar (Matthias Leja) den Auftrag der verstorbenen Mutter, und die Tochter folgt der Blutspur der Vergangenheit. Dort begegnen wir in Rückblenden Nawal und Wahab, der orthodoxen Strenge von Nawals Familie, der Unterstützung Sawdas, der Freundschaft der beiden jungen Frauen; in Telefongesprächen aus Israel hält Johanna ihren Bruder in Kanada, wo Nawal ihre letzten Jahre als Sekretärin des Notars gearbeitet hat, auf dem Laufenden. Manche Szenen bis zur Pause ziehen sich in die Länge, doch im zweiten Teil inszeniert Kosminski ins Herz der Finsternis. Die Berichte von Nawal und Sawda aus dem Bürgerkrieg, aus dem Foltergefängnis von Kfar Rayat durch die von Johanna ausfindig gemachte Hausmeisterin (Christiane Roßbach), sind erschütternd: im Live-Video in Sepiabraun auf die riesigen Lenwände projiziert, wirken die Gesichter von Dodina und Nakkara, noch verstärkt durch ihren fremdsprachig archaischen Redestrom, ungeheuer authentisch. Als die Zwillinge schließlich zum tiefsten Punkt der Erkenntnis vordringen, dass ihr Bruder Nahib, den Nawal als Säugling weggeben musste, später als Folterer und Vergewaltiger von Nawal ihr Vater wird, bricht eine Welt zusammen. Martin Bruchmann spielt diesen Milizionär Nihad als surreale Karikatur eines Sniper-Sängers mit Kalaschnikow-Gitarre: der höllische Gegenentwurf zu Nawal als Gefängnisopfer und „Frau, die singt“. Die Rezitation ihrer Briefe an Johanna und Simon, nachdem sie die Wahrheit über ihren Bruder und Vater entdeckt haben, ohne ihn zur Rechenschaft ziehen zu können, zielt auf Erkenntnis, nicht auf Rache. Doch ein Satz bleibt in Erinnerung: „Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle, man zieht es nicht so leicht heraus.“


 9. Februar 2022

Lady Bug lästert Georg Kreisler

„Alles nicht wahr“ mit Franui und Nikolaus Habjan als Sternstunde im Forum

 

Während der Festspieljahre Thomas Wördehoffs in Ludwigsburg war die Osttiroler Musicbanda Franui eine seiner großen Entdeckungen. Die Lieder von Schubert, Mahler, Brahms wurden unter den Händen und in den Kehlen der Innervillgratener Volkskunstmusiker zu unerhörten Preziosen, über die man nur staunen konnte. Nun ist Franui zurückgekehrt, diesmal ins Forum, mit einer Hommage an Georg Kreisler, und auch jetzt waren die Zuhörer vollauf begeistert. Zumal das zehnköpfige Ensemble mit dem Sänger und Puppenspieler Nikolaus Habjan und seiner lebensgroßen Diva Lady Bug eine weitere Attraktion auf die Bühne brachte, die den Geist des vor einem Jahrzehnt verstorbenen Kreisler wunderbar zum Leben erweckte.

 

Lady Bug – also „Marienkäfer“ auf Deutsch – ist schon seit 17 Jahren mit Franui auf Abschiedstournee, erzählt Andreas Schett, der mit seinen knurrigen Moderationen ein Markenzeichen der Band ist, zur Begrüßung des Publikums. Doch aus der Kulisse wird er sofort korrigiert: erst 15 Jahre sei sie mit dabei, und schon kommt Habjan plaudernd mit seiner Puppenlady auf die Bühne, setzt sich mit ihr, die unwirsch den Kopf hin und her wirft und das Maul aufreißt, auf den Barhocker vor die Banda. In den kommenden achtzig Minuten werden die Beiden – der Puppenspieler mit Mikroport an der Wange und die Lady sprachmächtig singend und plappernd – die Szene so darstellerisch grandios beherrschen wie die Musiker die fein ausgehörten Stimmungswechsel der Kreislerschen Songs. Vom berühmten Taubenvergiften im Park bis zum Tod, der muss ein Wiener sein - und jedes Stück hat sein ganz besonderes Flair.

 

Beim schaurigtraurigen „Lied für Kärntner Männerchor“ singen die Trompeter Andreas Schett und Markus Rainer und der Posaunist Martin Senftner im Trio mit, schon die Intro mit Harfe und Waschbrett der beiden Musikerinnen Angelika und Bettina Rainer im Ensemble lenkt exquisit hinauf zum armen Elsilein „hoch oben auf den schneebedeckten Almen“. Und für den „Staatsbeamten“ packt Habjan eine weitere Handpuppe - lustigerweise mit dem Georg Kreisler nicht unähnlichen runzeligen Konterfei - aus seinem Koffer und besingt damit all jene, die „auf jeden Fall die größten Arschlöcher sind“. Mit Fiedelbegleitung und Gezupfe vom Kontrabass wird das melancholische Lied vom Fritz und seinem nie zu Ende erzählten Witz umrahmt, und dann ist wieder Kreislers Hassliebe an der Reihe: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener…“. 

 

Genau in die Mitte des abwechslungsreichen Programms platzieren Schett und der Kontrabassist Markus Kraler, die beide die pfundigen Arrangements von Franui produzieren, ein instrumentales Potpourri mit Mahlerschen Anklängen aus seinem „Lied von der Erde.  Und auch danach, als sich Lady Bug wieder kapriziös umständlich auf Nikolaus Habjans Schoß arrangiert hat, ist Gustav Mahler mit im Spiel. Aus den „zwei blauen Augen von meinem Schatz“ aus den Liedern eines fahrenden Gesellen taucht Kreislers „Mädchen mit den drei blauen Augen“, der Abschiedsschmerz des Einen vermischt sich mit den Küssen des Anderen. „Alles nicht wahr“ feiert die wohlige Freiheit der Illusion („Wenn der Schnee über Nacht plötzlich blau oder grün wird…“), die dann bald darauf durch einen fanatischen Monolog der Puppe konterkariert wird, dessen Egomanie brandaktuell dem Kopf von Querdenkern entsprungen sein könnte: „Ich wär ja dumm, wenn ich auf meine Freiheit dir zulieb verzicht / Darum behalt ich meine Freiheit, du kriegst deine Freiheit nicht!“ Zynisch, böse, aber auch schrullig und charmant präsentiert Lady Bug ihren Kreisler, doch am Schluss wird sie, zum Trauermarsch von Franui, in den Koffer gepackt. Als Zugabe offenbart Nikolaus Habjan ein weiteres seiner Talente: „Du bist die Ruh“ von Schubert wird von ihm nicht gesungen, sondern wundersam leise gepfiffen, über Hackbrett und Harfe entfaltet sich der Klang mit Geige und Akkordeon und volkstümlichen Blasinstrumenten. Standing Ovations im Saal.

 

29. November 2021

 

Faszinierendes Machtpsychogramm

Lina Beckmann als „Richard the Kid & the King” bei den Salzburger Festspielen

 

Shakespeare hat Tradition auf der Pernerinsel in Hallein, wo seit einigen Jahrzehnten in der alten Saline die experimentellen Schauspielproduktionen der Salzburger Festspiele aufgeführt werden. Man sitzt hart auf den kaum gepolsterten Bänken der steil aufsteigenden Tribüne, doch trotz wieder eingeführter Maskenpflicht und 3G-Nachweis ist die Halle gerammelt voll und das Publikum euphorisch. Vor 22 Jahren waren Luk Percevals und Tom Lanoyes „Schlachten!“ nach Shakespeares Königsdramen hier Kult, zwölf Stunden dauerte damals das Mord(s)-Spektakel. Nun sind es nur vier Stunden zwischen dem ersten Auftritt von „Richard the Kid“ und dem Ende von „Richard the King“ mit dem berühmten Satz von „Ein Königreich für ein Pferd!“, aber dieser Abend geht ähnlich unter die Haut. Auf einem Schaukelpferd sitzt, wie am Anfang, Lina Beckmann in der Rolle des von seiner Blutspur verfolgten Tyrannen. Beckmann als Shakespeares Richard III. ist ein Naturereignis, ein Vulkan an Machtgier und Mordlust, Täuschung und Betrug, Theaterkunst und schauspielerischer Virtuosität. Sie und ihre drei in Mehrfach-Rollen auftretenden Mitspieler werden am Schluss enthusiastisch gefeiert.

 

„Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen“, wendet sich Lina Beckmann am Ende an die Zuschauer, die so oft während des faszinierenden Abends der Adressat ihrer Kurzmonologe waren. Mit einer Kalaschnikow hat ihr Richard zuvor den Rest seines hörigen Hofstaats umgenietet, es ist der Nachklatsch seines Mörderspiels, in dem er Brüder, Neffen, Herzoginnen und Thronfolger umbringt, um selbst König zu werden. „Gewissen ist nur ein Wort, das Feiglinge erfunden haben“, erklärt er dem Publikum, und wie Lina Beckmann diese macchiavellische Moral im ständigen Wechsel von Schein und Wirklichkeit in die Tat umsetzt, ist lustvoll und atemberaubend. Wortmächtiges Vehikel dafür ist die Sprache: die Textfassung der Regisseurin Karin Henkel und von Tom Lanoye „nach Shakespeare“ mischt Deutsch, Englisch und Flämisch zu einem Kunstidiom zwischen Gosse und gewähltem Ausdruck. 

 

„Fuck!“ ist ein Lieblingswort in den wildgewordenen Pitbull-Dialogen zwischen Richard und seinen Brüdern Edward (Kate Strong) und George (Bettina Stucky), während sich Kristof Van Boven in seinen Rollen als Heinrich VI., Prinz Edward und Lady Ann näher am Shakespeareschen Orginal bewegt. Nicht so als König Heinrichs neapolitanische Gemahlin Margaretha: die großartige Virtuosität im blitzartigen Rollenwechsel ist bei allen Spielern auch sprachlich konnotiert, am vielfältigsten jedoch in der Figur Richards III.. Lina Beckmann ist ja nicht nur realer Lügner, Monster, Despot, Betrüger, blutgeiler Schlächter, der seinem Vertrauten Hastings die Gedärme aus dem Leib reißt; ihr Richard täuscht auch als Menschenfreund, intrigiert mit treuherziger Unschuldsmiene. Dass viel von Richards Verstellungskunst in seiner Kindheit als Krüppel und Mobbingopfer angelegt ist, zeigt seine Vorgeschichte aus Shakespeares „Henry VI.“ Doch seine Selbstcharakteristik – „Ich, der weder Mitleid, Angst, noch Liebe kennt“ – deutet auf eine komplexere Psychologie. Inszeniert ist diese Macht-und-Mördergeschichte auf einer schrägen schwarzen Scheibe (Bühne: Katrin Brack), über der sich die Lampionkugeln wie unzählige Gestirne im finsteren Weltall bewegen.

 

31. Juli 2021