Theater

Hamsterrad Wohnungssuche

„Die Lage“ vom Thomas Melle als Uraufführung zum Spielzeitauftakt am Schauspiel Stuttgart


Ein starkes Stück, ein furioses Ensemble, eine die theatralischen Mittel virtuos einsetzende Regie: Thomas Melles „Die Lage“ ist zum Saisonauftakt im Kammertheater als eine die schockierende Realität großstädtischer Wohnungssuche ins Groteske überzeichnende Szenenrevue ein großer Wurf. Im rechtwinkligen, zur Hälfte aufgerissenen weißen Kubus (Bühne: Stefan Hageneier) agieren Makler und ihre Kundschaft in wechselnden Rollen unter den Gesetzen des entfesselten Markts. Dabei füttert Melle seine Typen nicht mit papierenen Thesen, aber in ihren Monologen und Streitgesprächen fallen die Themen und Schlagworte mit Witz und Wucht. Wohnungsnot, Wucher, Eigenbedarf, Zwangsräumung, Obdachlosigkeit, Enteignung: Jeder „will in seinem Leben wohnen und nicht nur in Räumen leben“ fordert eine Figur im Stück. Doch das erscheint unter den gegenwärtigen Umständen der Wohnungssuche nur wie ein frommer Wunsch.

„Personen in Wohnungen an Orten und Zeiten“ nennt Thomas Melle sein Stück im Untertitel. Es beginnt mit einem sich schlangengleich windenden, sich ans Publikum heranschmeißenden Makler-Monster (Jannik Mühlenweg), das erst einmal die Regeln des Markts aufzählt, wo in den Bewerber-Emails auch „deine Schwächen, deine Macken“ und weitere Offenbarungen gefordert sind. Wenn Melle dann Paare bei der Besichtigung einer renovierten Drei-Zimmer-Altbauwohnung zu 1500 Euro Monatsmiete plus dreifacher Kaution, einer Eigentumswohnung zu 840.000 Euro oder einer Millionen-Villa auftreten lässt, nimmt die Selbstentblößung und Demütigung groteske Formen an: „Sind sie als Paar laut?“ fragt der Makler, und die Konkurrent*innen liefern sich einen Sex-Stöhn-Wettbewerb. Der grandiose Sebastian Röhrle wechselt vom zynischen Intellektuellen zum genervten Verkäufer, beim „Revolution“-Monolog am Schluss steigert er sich in eine veritable Publikumsbeschimpfung. Großartig auch Boris Burgstallers Monolog über Enteignung und „Die Lüge des Eigenbedarfs“, nachdem er in der Szene zuvor als vertriebener Hausgeist durch die Maklergeschäfte spukte. Marietta Meguid kabbelt sich mit ihrem Partner über die Sinnhaftigkeit des Flachspülers und protokolliert als Journalistin die Auswüchse des Raubtierkapitalismus: „Das System wird sich hochschrauben und kollabieren: Vorher aber kollabieren die Menschen in ihrer konkreten Situation.“

Tina Laniks Regie hat das Timing eines Wechselbads der komischen Erregungen und schreienden Empörungen. Besonders Josephine Köhler reizt die Skala der Emotionen zwischen eiskalter Casting-Agentin und reicher Erbin, die ihr Kapital in einem kabarettreifen Solo gebiert, gnadenlos aus. Mit „Die Lage“ hat Thomas Melle, der mit seinen Romanen „3000 Euro“ und „Die Welt im Rücken“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und mit der Dramatisierung des letzteren 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, trifft mit seinem Stück „Die Lage“ den Puls der Zeit. Die Stuttgarter Inszenierung präsentiert dessen vielstimmigen Kosmos wirkungsvoll.


(Aufführungen bis 5. Oktober)

Hölderlin in Bäumen


Theater Lindenhof zieht von der Tübinger Neckarinsel in den Park der Villa Reitzenstein


Man lagert unter Hängebuchen im Park, auf den ausgelegten Sitzkissen steht der Slogan „flanieren wo andere regieren“. Auf Hölderlin bezogen, dessen Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ den Stoff für das Gastspiel des Theater Lindenhof an diesem Ort liefert, könnte man das abwandeln zu: „Dichten wo andere politisch handeln“. Denn Hölderlins Alter Ego kehrt nach seinem Freiheitskampf in Griechenland, nach dem Verlust seines Freundes Alabanda und dem Tod seiner Geliebten Diotima von seiner „exzentrischen Bahn“ zurück in eine von Grund auf angelegten poetischen Existenz, die er im „Einssein mit allem was lebt“ findet. 

Drei Schauspieler geben diesem Hölderlin/Hyperion ihre Stimme: Bernhard Hurm, Martin Olbertz und Linda Schlepps sind hoch oben über den Köpfen der Zuschauer in der Residenz des Ministerpräsidenten an Bäume gefesselt und lesen aus den Briefen des reflektierenden Ich-Erzählers an seinen fernen Freund Bellarmin. Was das Theater Lindenhof in diesem Hölderlin-Jubiläumsjahr als großes Stationentheater auf der Tübinger Neckarinsel in Blickweite des „Hölderlin-Turms“, wo der Dichter seine zweite Hälfte des Lebens in poetischer Umnachtung verbrachte, geplant hatte – noch vielschichtiger als 1986 beim ersten Tübinger Sommertheater – ist jetzt in der Textfassung und Regie von Siegfried Bühr als corona-bedingt reduzierte Performance zu erleben. Auf ihren Hochsitzen sind die drei Akteure freilich darstellerisch eingeschränkt, ihre Rezitation steigert sich erst mit der Zeit und der Entwicklung des monologischen Romanhelden zu leidenschaftlichem Pathos. Besonders Martin Olbertz findet dabei den am griechischen Versmaß geschulten Hölderlinschen Sprachrhythmus, seine begeisterten Erkenntnisse atmen hymnische Eloquenz: „O Seele! Seele! Schönheit der Welt! du unzerstörbare! du entzückende! mit deiner ewigen Jugend! Was ist denn der Tod und alles Wehe der Menschen? Ach! Viel der leeren Worte haben die Wunderlichen gemacht. Geschiehet doch alles aus Lust, und endet doch alles mit Frieden…“ Das nüchterne, trockene „So dacht‘ ich. Nächstens mehr“ markiert als ironische Pointe den Schluss der Aufführung.

Es gehört zur besonderen Qualität der Stücke des Theaters Lindenhof (welches ja vor nunmehr bald 40 Jahren von einer Schar Studenten der Empirischen Kulturwissenschaft in einem Dorf auf der Alb gegründet wurde), im allgemeinen Bewusstsein verankerte Stoffe neu zu interpretieren. Bei Hölderlins „Hyperion“ geschieht das mittels einer auf wesentliche Aspekte konzentrierten Textfassung, die von der Zivilisationskritik des Anfangs („die Unheilbarkeit des Jahrhunderts“) über die Abgründe revolutionärer Gewalt sich zur utopischen Vision einer im Einklang mit der göttlichen Natur lebenden Gesellschaft von Einzelnen steigert. „So kam ich unter die Deutschen“ heißt es im vorletzten Brief  Hyperions an Bellarmin, in dem der Dichter die Zerrissenheit und humanen Defizite eines Volkes beschreibt: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen.“ Dagegen steht die Allegorie einer Diotima, deren Schönheit als Fundament eines neu zu realisierenden Staates Hyperion beschwört: „Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge, war es da! Ich frage nicht mehr, wo es sei; es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgener in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei; ich hab‘s gesehn, ich hab‘ es kennen gelernt.“

(Weitere Aufführungen bis Ende August auf der Neckarinsel)

Zauberhafter Theaterspaziergang

Neustart am Eckensee: Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind

 

Seit März war das größte Dreisparten-Theater Europas wegen der Corona-Krise geschlossen, jetzt kommt wieder Leben in die beiden Häuser am Stuttgarter Eckensee: in einer Gemeinschaftsproduktion von Oper, Schauspiel und Ballett laden die Staatstheater Stuttgart zu einem 12-Stationen-Parcours unter dem Titel „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“ ins Innere des Musentempels. Beschränkt auf jeweils nur wenige Besucher, die an jedem der sechs Abende von hilfreichen Cicerones im zeitlichen und räumlichen Abstand voneinander auf sechzehn Touren begleitet werden, ist es nach Monaten der Kulturpause ein wunderbares Theatererlebnis der besonderen Art – gerade wegen seiner Unmittelbarkeit im Gegenüber mit den Schauspielern, Sängern, Tänzern, Musikern. Nicht weniger als 123 davon sind in den verschiedenen Teams am Theaterparcours unter der Regie von Schauspielintendant Burkhard Kosminski daran beteiligt. 

 

„Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“: das Zitat von Prospero dem Zauberer aus Shakespeares „Sturm“ trifft den Ton der Aufführung, welche den Betrachter mit ganz einfachen theatralischen Mitteln durch ein Labyrinth von Gängen und überraschenden Perspektiven führt. „Es passiert aber auch gar nichts“ murrt André Jung im Souterrain des Schauspielhauses vor sich hin, und seine Didi-Gogo-Dialogschleifenpartnerin Sylvana Krappatsch antwortet lakonisch gequält: „Wir warten auf Godot!“. Ein Warten auf Erlösung, Veränderung, Neuanfang? Kein schlechter Bezug zur gegenwärtigen Corona-Situation, auch mit solchen Sätzen wie „Aller Anfang ist schwer - aber wir müssen uns entscheiden…“ Auch die wilden Trommelschläge zuvor auf dem Podest im Oberen Foyer schaffen einen beziehungsreichen Auftakt mit einem Ausschnitt der „Impuls“-Choreografie von Roman Nowitzky, in der vier Tänzerinnen und Tänzer schwarz gekleidet wie antike Tragödinnen bewegungsintensiv aufbegehren. Wenn der Beckett-Dialog für die auf weit voneinander postierten Stühlen sitzenden Zuschauer abbricht, hebt und bewegt sich die Drehbühne, es öffnet sich der Eiserne Vorhang und man blickt in den leeren Zuschauerraum. Auch dies nicht ohne Hintersinn.


Mit einer Sound-und Lichtinstallation zu Ligetis „Atmosphères“ geht es weiter, auf einer Betonwand Backstage wird Shakespeares berühmtes Sonnet 18 von Elmar Roloff rezitiert, im Lastenaufzug spielt eine Geigerin auf Kunstschneeflocken George Enescu, plötzlich öffnet sich ein Tor zum Bühnenhaus, in dessen hohem Flur das Corps de Ballet, von Standarten der Capulets flankiert, John Crankos Ballszene aus „Romeo und Julia“ zelebriert. Durch das Nischen-Spalier der Tänzerinnen und Tänzer (Abstand!) schreitet man weiter zur nächsten Theaterszene: ein alterndes Mimenpaar erinnert sich in Thomas Bernhards „Der Schein trügt“ an bessere Zeiten. Und plötzlich steht man fast hautnah neben einem bärtigen Cornelius Meister, der am Steinway aus seinem Träumen zum pianistischen Liebestod aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ erwacht. Ein zauberhafter Höhepunkt dieses Traumspaziergangs, der sich nun, angekommen auf dem gedeckelten Orchestergraben mit dem Blick ins Opernhaus öffnet, wo im Parkett verteilt die Damen und Herren des Opernchors den „Abend“ in einem Brahms-Quartett besingen. Über Treppen und Flure in den Lila Salon hinter der Intendantenloge geleitet, folgt ein Spiegel-Monolog aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“, übers Treppenhaus hinauf im Foyer des 3. Rangs verwickeln sich zwei Schauspieler hinter Garderobetresen in einen „Leonce und Lena“-Dialog mit dem Schlusssatz „Welch‘ unheimlicher Abend“. Doch nicht unheimlich, aber schon etwas poetisch morbid, endet dieser von ästhetischen Eindrücken reiche Abend mit einem Dreiklang traumhafter Augenblicke: Hyo Jung-Kangs „Sterbender Schwan“ zur Cello-Kantilene von Camille Saint-Saens, beobachtet von der Foyer-Loggia im 2. Rang, das herbstliche Potpourri-Arrangement in der Kassenhalle mit Musikern des Staatsorchesters und einem fatalistischen Ticket-Abreißer, und schließlich, im Hof unter dem Pausenpavillon, Claudio Monteverdis „Lamento der Arianna“ mit der wunderbaren Diana Haller. Fünfviertelstunden Theaterzauber einer höchst gelungenen Ensembleproduktion.


Nach aktuellem Stand nur vom 6.-8. und 13.-15. Juni im Stuttgarter Staatstheater.

 

 

 

Alles geht vor die Hunde


Robert Icke inszeniert seine Tschechow-Bearbeitung „Iwanow“ im Schauspiel Stuttgart


Der britische Regisseur Robert Icke ist ein Spezialist für aktualisierte Bearbeitungen klassischer Texte. In der letzten Saison brachte er im Schauspiel Stuttgart die „Orestie“ des Euripides als modernes Familien-Psychodrama stimmig auf die Bühne, nun hat er „Iwanow nach Anton Tschechow“ im Yuppie-Jargon verfremdet und als Mischung aus Gesellschaftssatire und pathologischer Fallstudie inszeniert. Tschechows russischer Gutsbesitzer Iwanow, der an seiner Lebensleere verzweifelt, heißt nun Nikolas Hoffmann und sitzt schon, wenn die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, vor sich hin stierend auf einer Sargkiste in der Mitte eines von Wasser umgebenen quadratischen Podests. Die leeren Schuhe neben ihm assoziieren Becketts „Warten auf Godot“, am Rand liegt schon die Pistole, mit der sich am Ende in den Kopf schießen wird. Eine Videokamera filmt ihn von oben und überträgt die Szene auf die Wand im Hintergrund, ebenso die Aktwechsel. „Mein Scheißleben!“ bejammert der wie alle Spieler mit Mikroport bewaffnete Nikki seine Situation: vor fünf Jahren hat er eine Jüdin, die ihm zuliebe zum Christentum konvertiert ist, geheiratet, vermutlich wegen der Mitgift, die ihm dann verweigert wurde.


Geld spielt in den platten Dialogen, die aus Ickes englischer Fassung von John Birke ins Deutsche übersetzt wurden, eine große Rolle. Michael alias Borkin (Peer Oscar Musinowski) würde gerne damit zocken, wenn er es hätte, Matthias alias Iwanows Onkel Graf Sabelskij (Klaus Rodewald) könnte bei Heirat einer reichen Witwe (Christiane Roßbach) damit seinen Traum von Paris erfüllen, Sinaida (Marietta Meguid) hat genug davon und treibt ihren Ehemann Peter alias Pavel Lebedev ständig an, mehr davon zu ergattern. Michael Stiller als zappelig hilfloser Geschäftsmann, der „den Laden am Laufen halten“ will, spielt das als virtuose Karikatur, kann aber wie alle Figuren wenig von Tschechow in dieser zunehmend banaler werdenden Inszenierung retten. Schwächste Rolle im Stück ist Felix Strobels Landarzt Eugen alias Lvov, dem man weder sein Mitgefühl noch seine Heuchelei glaubt. An seiner Figur wird die Schwäche von Ickes Regieansatz am deutlichsten: das psychologische Geflecht von Tschechows Charakteren mit ihren Zerfallserscheinungen im zaristischen Russland Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich nicht im Rahmen einer modernen Gesellschaftskomödie à la Yasmina Reza aufbröseln.


Auch handwerklich kann Ickes Inszenierung nicht überzeugen. Nur im ersten Teil hält die Spannung der von Tschechow übernommenen Pausen im Dialog, Sabelskijs im Stück mehrfach variiertes Thema „Das Leben ist ganz und gar sinnlos“, von Matthias im Campingstuhl mit Sonnenschutz auf der Nase artikuliert, kann einsinken. Die erste Szene zwischen Benjamin Grüters Nikolas und seiner krebskranken Frau Anna (Paula Skorupa), die der Arzt zur Therapie nach New York (!) schicken will, hat darstellerisch Gewicht wie auch seine Begegnung mit der jungen Sascha (Nina Siewert). Doch stellt Icke diese Geburtstagsparty mit Statisten und Feuerwerk voll, und von da ab wird die Tragikomödie immer diffuser. Grüters nuschelnder Nikolas, gezeichnet von Psychopharmaka, Lebensüberdruss und Selbsthass, äußerst seine Unfähigkeit zu Gefühlen verbal, doch es mangelt an Darstellung. Nina Siewerts Sascha beeindruckt im Kampf um ihre Liebe, doch im weißen Hochzeitskleid ist sie plötzlich eine schrille Comedy-Figur, die ihren Nikolas unbedingt zum Traualtar schleppen will. Nach seinem Selbstmord beugen sich die Hinterbliebenen über die im Hintergrundvideo gezeigte Leiche, Benjamin Grüter geht durchs Wasser zum Ausgang. Wie zuvor die sprachlich und darstellerisch konzentrierte Paula Skorupa als gestorbene Anna.

Die nächsten Aufführungen am 1., 14. und 26. Dezember


18. November 2019

Republikaner unter sich


Calixto Bieito inszeniert Horváths „Italienische Nacht“ im Stuttgarter Schauspielhaus


An einer Stelle im Stück erzählt die junge Leni von einem Bekannten, der nichts anderes im Kopf hat als sein Motorrad. „Dein Kamerad Martin“, sagt sie zu Karl, der sich wegen seiner erotischen Gefühle die Schuld gibt, kein strammer Kommunist zu sein: „Mit dem ist auch nicht zu reden, weil er nichts anderes kennt als die Politik!“ 1931 hat Ödön von Horváth sein Volksstück „Italienische Nacht“ geschrieben, zwei Jahre bevor die Krise der Weimarer Republik mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete. Es zeigt die Unfähigkeit und Ratlosigkeit einer in einem „republikanischen Schutzverband“ organisierten Bürgerschaft, dem aufkommenden Faschismus Widerstand zu leisten. Dass dieses Thema in einer Zeit, wo sich eine rechte Partei als „bürgerliche Mitte“ mit national-sozialer Agenda geriert, höchst aktuell ist, liegt auf der Hand. Doch der katalanische Regisseur Calixto Bieito versagt sich in seiner Inszenierung jegliche naheliegende Aktualisierung – und verstärkt dadurch die Brisanz des Horváthschen Dramas.


Wenig gekürzt im Originaltext, höchst sorgfältig in der Struktur der Dialoge („Stille“!), vertraut Bieito ganz der Profilierung der Figuren durch Horváths pseudorealistischen Alltagsjargon, und bringt zur Spielzeiteröffnung ein hervorragendes Ensemble auf die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses. Mit Elmar Roloff – gerade von einer Krebserkrankung genesen – hat er als Stadtrat und Ortsgruppenvorsitzenden einen leicht apathischen, schwer zu erschütternden Protagonisten (in der Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm von Oskar Sima gespielt). „Solange es einen republikanischen Schutzverband gibt – solange ich hier die Ehre habe, Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe zu sein, so lange kann die Republik ruhig schlafen!“ resümiert Alfons seine aus den Fugen geratene „Italienische Nacht“, die in Feigheit vor den Faschisten endete. „Gute Nacht!“ kontert der fanatisch auf Aktion gepolte Martin (David Müller), der seine Freundin auf den Nazi-Leutnant (Matthias Leja) ansetzt, um etwas über die Nachtübungen seiner geheimen Wehrsportgruppe zu erfahren.


So zwiespältig wie der Charakter und die Motive Martins, so interessant in ihrer Gebrochenheit sind die anderen Figuren, denen Horváth in seinem Stück eine „Demaskierung des Bewusstseins“ angedeihen lässt. Martins Freundin Anna (großartig: Paula Skorupa) ist leicht entflammbar für die Liebe und auch für Martins politischen Radikalismus, doch ihr Nazi-Flirt endet gewalttätig in der Fast-Katastrophe. Physisch geschunden und psychisch durch Martin genauso malträtiert wie Alfons‘ Frau Adele (Christiane Roßbach), die sich trotz dessen Demütigungen als einzige gegen den Nazi-Leutnant auf seine Seite stellt, ist sie am Ende stumme Zeugin des kollektiven „Wacht-am-Rhein“ Brüllgesangs, den Bieito dem Stückschluss implantiert hat. Da sind die Lichterketten des riesigen Wirtshaussaals längst erloschen wie am Beginn, als die gestapelten Biertische nach dem Aufzug des Eisernen Vorhangs wie Fluchtlinien der Geschichte aus dem grauen Hintergrund auftauchen. Viele davon werden im Verlauf des Stücks krachend umgestoßen, werden auch zu handfesten Hindernissen wie im einzig menschlichen Gespräch zwischen Martin und Anna. Auch Leni (Nina Siewert) und Karl (Peer Oscar Musinowski) finden zu einer Nähe, doch im von der Masse der Statisten bevölkerten Finale stimmen sie ein wie der opportunistische Wirt (Klaus Rodewald) zur „Wacht am Rhein“. Als ob die Wachsamkeit nicht anderswo sehr notwendig wäre.


Die nächsten Aufführungen: 29. September, 2.., 3. und 21. Oktober.


23. September 2019