Hölderlin Virus

Hölderlin Virus I

Hälfte des Lebens

 

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

 

Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Hölderlin Virus II

Schicksallos, wie der schlafende

Säugling, atmen die Himmlischen,

Keusch bewahrt

In bescheidener Knospe,

Blühet ewig

Ihnen der Geist,

Und die seligen Augen

Blicken in stiller

Ewiger Klarheit.

 

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab.

 

Hölderlin Hyperions Schicksalslied

Hölderlin Virus III

Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ich’s, weil

es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das

zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker

siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine

Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn

und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine

Menschen – ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo

Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt unter-

einander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut

im Sande zerrinnt?


(Hölderlin Hyperion)